Wir haben eine Kamikaze-Taube in unserem Garten!

23-08-2012 17:45

 

 

Futterplatz für Vögel

Es geht hier um eine ‘Streptopelia Decaocto’, so, das ist raus!!

Im Niederländischen wird sie  ‘Turksetortelduif’ genannt und im Deutschen hat sie den wenig schmeichelhaften Namen ‘Türkentaube’.

Prächtige Namen für ein ganz liebes Tierchen, aber ich werde unsere weiterhin ‘Kamikaze-Taube’ nennen.

 

Seitdem wir in Deutschland wohnen und unser Garten angelegt ist, habe ich damit begonnen, ein paar umherstreunende Spatzen in unserem Garten zu Füttern. Anfangs waren es etwa sechs, nun, fünf Jahre später, trotz aller Berichte über den schlechten Stand der Spatzenpopulation und der Chance, dass sie wohl aussterben werden, brachte uns dazu, etwas extra Brot zu kaufen und das im Garten zu verteilen. Etwas mehr Brot erwies sich bald als nicht genug. Deswegen und weil wir ja auch nicht die Schlechtesten sind, mal eben eine Tüte Vogelfutter gekauft und einen Futterplatz in einer Ecke des Gartens eingerichtet.

Für all die, die echt neugierig sind, hier erhalten sie einen Eindruck von unserem Garten.

 

Proportional zu der angebotenen Futtermenge nahm auch die Anzahl der Vögel zu. Nicht nur die Anzahl der Spatzen stieg so schnell, dass ich an ein Aussterben dieser Vogelart nicht glauben konnte.

Nein, auch die Anzahl der Arten Stieg mehr und mehr an. Neben ‘unseren’ Spatzen kamen da auch Grünfinken, Buchfinken, Buntespechte, Kohlmeisen, Blaumeisen und noch eine Meise, von der ich nicht mehr weiß, zu welcher Art sie gehört, Amseln, Stare und Drosseln sind auch noch dabei. Ferner melden sich im Lauf des Jahres auch Dohlen, Elstern und ein paar stattliche Krähen, zum Schluss noch ein paar Ringeltaubenpaare und natürlich, nicht zu vergessen, der Bestand an Türkentauben.

 

Soweit die geflügelten Freunde, die ich beim Namen nennen kann. Es fliegen aber ab und zu auch noch ein paar rum, die ich absolut nicht zuordnen kann. Diese werden bei uns unter dem Sammelnamen ‘Scheißdrosseln’ geführt.

Ach, der Name passt schon, wollen wir mal sagen.

 

Es läuft aus dem Ruder

 

Da, wo wir pro Tag mit ein paar Scheiben Brot und etwas Streufutter begonnen haben, geht jetzt je  Tag mindestens ein Brot durch und je Monat noch mal etwa 25 kg Sommer- oder Winterfutter, je nach Jahreszeit. Darüber hinaus noch die Tüten mit Erdnüsse und einen großen Sack mit Streufutter für die Meisen. Dazu noch eine Ladung geschälte Sonnenblumenkerne, denn da sind sie ganz verrückt danach.

Die Anzahl der Vogeltränken kann man schon nicht mehr an einer Hand abzählen, diese sind nicht nur zum Trinken im gebrauch, es wird auch heftig drin gebadet. Sehen sie, man hat nun mal auch viel Spaß damit. Ich kann mich morgens mit einem Becher Kaffe in eine Gartenecke setzen und mal so eine Stunde das Leben im Garten genießen, das begleitet wird durch den überschwänglichen Gesang der Singvögel wie  den der Amseln und den der Stare, die, wie es scheint, gegeneinander antreten, wie in einer öffentlichen ‘Jam Session’, so wie man es eigentlich nur von Musikern hört und sieht.

Neben den gefiederten Sachen, die unseren Garten zu ihrem Lebensraum gemacht haben, haben wir auch regelmäßig Zulauf von anderen Tierarten. Offenbar durch unsere fliegenden Freunde angelockt melden sich regelmäßig junge Kaninchen und Hasen, um es sich auch gut gehen zu lassen an den Leckereinen, die von den Futterplätzen runterfallen.

 

Auch ist eine Igelfamilie seit etwa drei Jahren in unserem Garten heimisch geworden. Wir haben für sie ein Winterquartier eingerichtet, das wurde offensichtlich erfolgreich angenommen, sie sind immer noch da. Auch der Nachwuchs bleibt länger da als es wünschenswert wäre, so Igelvater und Mutter. Schließlich haben wir noch eine gewisse Anzahl von Wühlmäusen und Feldmäuse, die die Essensreste der Vögel auch dankbar annehmen.

Die letzte Gruppe, die nun regelmäßig auftaucht, sind die Raubvögel, Sperber, Falken und in der Abenddämmerung noch eine große Eule. Kurzum, es ist ein Pool des Lebens geworden.

Laut meiner Frau wohnen wir in einer Art öffentlicher Voliere und wir werden nur geduldet, damit wir ausreichend für den Unterhalt der Dinge sorgen, und ……  so ist es.

 

Selbstmord Taube

Tja, und dann ist da noch unsere ‘Kamikaze-Taube’.

Vorige Woche wurden wir plötzlich durch einen Schlag  gegen das Wohnzimmerfenster aufgeschreckt.

Nun fliegend da wohl mal öfter Vögel gegen das Fenster. Obwohl wir die Scheiben mit Aufklebern versehen haben, um dem vorzubeugen, passiert es immer wieder, wenn sie auf der Flucht vor Raubvögeln probieren, quer durchs Fenster zu fliegen. Meistens wird dann einmal kurz der Kopf geschüttelt und die Federn wieder glatt gestrichen, bevor das Leben weiter geht und sie wieder verschwinden.

Nun, bei dieser Türkentaube verhielt sich alles ein wenig anders.

 

Wie gesagt, so eine Art Urknall gegen das Fenster und da lag mein Herr (keine Ahnung, welches Geschlecht sie hat, aber um des lieben Friedens Willen nenne ich sie mal einen Er, Frauen behaupten doch meistens, dass sie soviel klüger sind als Männer, deswegen hätte ihnen so etwas nicht passieren können, nicht wahr?), auf dem Rücken auf der abgedeckten Bank. Er zuckte etwas seltsam. „So, da ist wohl nichts mehr zu retten“ war meine erste Reaktion. Inzwischen war Sjipke schon neben mir, zwei Pfoten auf der Rückenlehne der Bank und mit einem lauten Gebell kommen wir nicht um seine Anwesenheit herum. Els sagte:“ Ach Gott, wie bedauerlich“. Wider besseres Wissen sagte ich, ich werde ihn mal etwas aufrecht hinstellen.

 

Sjipkes Gebell war inzwischen verstummt und war in ein Art mitleidiges Fiepen übergegangen. Mein Hund ist nahezu immer schlagartig verliebt, wenn er seltsame Vögel, von welcher Art auch immer, sieht. Drohendes Bellen verwandelt sich in ein innig verliebtes Gequieke. Gehört sich nicht für einen Jagdhund.

Sjipke lief, wild mit dem Schwanz wedelnd, hinter mir her zum Gartentor. Es schien mir keine gute Idee Rettungsversuche ‚unserer Taube’ zu versuchen in Gesellschaft eines verliebten Spaniels. Deshalb gab ich ihm den Auftrag, beim Gartentor zu bleiben. Glücklicherweise gehorcht er (manchmal) und legte sich brav hin.

 

Draußen angekommen sah ich Els,  wie sie stürmisch von innen auf den Platz zeigt, wo die Taube gelegen hatte.

Ich lief zu dem Platz, den sie mir anzeigte und sah …. nichts.  Es stellte sich heraus, dass er in der Zwischenzeit noch eine Versuch unternommen hatte los zu fliegen. Er lag nun zwischen der Bank und dem Fenster. Ich konnte ihn so aufheben. Jede Menge Gegurre und flatternder Protest wurden mir zuteil. Als ob er sagen wollte: ‚Scher dich zum Teufel mit deinen großen Händen’.

 

Die Genesung

Die Erfahrung lehrte dass es wahr ist, wenn man Spatzen und Meisen, die viel kleiner sind, eine Nacht in einem kleinen Käfig mit etwas Futter und Wasser sperrt, dass sie sich gut erholen. Viele dieser Tierchen flogen am nächsten Morgen davon und wir haben sie nie wieder gesehen.

Auch unserer Taube türkischer Abstammung wurde dieses Schicksal zuteil. Das einsperren hat jetzt nichts mit Diskriminierung zu tun, weil, auch den einheimischen Vögeln erhalten exakt die gleiche Behandlung.

Das Nachtlager war so vorbereitet und er wurde hineingelegt. Auf der Werkbank in der Scheune, Lichter aus. Ein bisschen Dunkelheit ist immer besser bei der vermuteten Gehirnerschütterung, doch!

 

Am folgenden Morgen lief Sjipke sofort zu der Gartentür und bellte sehr intensiv. Wie ich schon früher erzählt habe, hängt  mein Hund sonst an festen Ritualen. An diesem Morgen war es eine Ausnahme. Er preschte erst wild in den Garten noch bevor zu seinen Frühstück ging. Einmal die Gartentür geöffnet, lief er schnurstracks zur Scheune und begann wieder, wie eine scheinschwangere Glucke, zu Fiepen, weil er rein wollte. Ich machte die Scheunentür auf und hörte den kleinen Türken schon, wie er umher krabbelte in seinem viel zu kleinen Käfig. An sich ein gutes Zeichen, war doch wieder etwas Leben in ihm.

Also, Sjipke hereingebeten, die Gartentür zu gemacht und den Käfig mit nach draußen genommen. Als ich den Rasen betrat, flogen die meisten Vögel in die große Tanne. Die Tanne hat einen zentralen Platz mitten in unserem Garten. Die Vögel suchen hier immer Schutz, wenn plötzlich Gefahr droht. So sitzen sie in sicherem Abstand und sehen zu, was ich so tue, ohne selbst in Gefahr zu sein.

Den Käfig geöffnet und den kleinen Fremdling herausgeholt und ins Gras gesetzt.

Von drinnen kann man gut in den Garten sehen. Wir sahen unseren Gast, wie er sich unter die Tanne zurückzog und die restlichen Vögel kamen auch wieder zum Vorschein. Unsere Taube bedachte sich noch einen Moment und stürzte sich dann auch wieder ins Gewühl, um sich die tägliche Futterration zu sichern.

Augenscheinlich ging es ihr prima. Wir haben Sjipke an diesem Morgen mal eben drinnen gehalten, nur zur Sicherheit.

 

Wieder zurück

Am späten Nachmittag, so gegen sechs, war ich im Garten beschäftigt. Plötzlich hörte ich einen heftigen Schrei aus dem inneren des Hauses. Els hatte scheinbar einen Zusammenstoß mit Sjipke.

„Rob, komm mal schnell her“. Nun ist meine Beweglichkeit zurzeit etwas eingeschränkt, das mit dem schnell kann man wohl vergessen. Noch bevor ich das Gartentor erreichte, erklang wieder der Notruf meiner Frau, die mich anspornte, doch etwas schneller zu sein.

Einmal drinnen sah ich Els wie angenagelt stehen und zeigend auf …. Sjipke.

Sjipke hatte sich platt mit seinem Bauch auf den Boden gelegt und lag mit seiner kräftigen Nase weniger als fünf Zentimeter von dem türkischen Burschen entfernt. Die Taube, die da ruhig vor ihm lag und ein bisschen weltfremd um sich zu sah, machte keine Anstalten um zu verschwinden. Nein, er lag da ganz gemütlich und bequem und schaute zurück auf meinen Hund. Ich war total sprachlos.

 

„Steh da nicht so stumm rum um aus der Wäsche zu kucken, nehm das Tierchen nun hoch bevor er (auf Sjipke zeigend) ihn wieder zu packen bekommt!“. Ich werde grausam aus meinem Erstaunen in die reale Welt zurück gerufen. Nun machte Sjipke absolut keine Anstalten, die Taube zu packen, so fragte ich Els: „Wie ist das Tierchen hier nur her gekommen?“

„Er (immer noch auf Sjipke zeigend) hat das Tier mit nach drinnen geschleppt. Ich sah ihn mit einem Stofftier im Maul durch die Küche laufen, dachte ich jedenfalls. Ich dachte, er hat das Stofftier mit nach drinnen genommen. Bis ich ihn plötzlich aus dem Wohnzimmer die seltsamen verrückten Geräusche hörte, die er immer macht, wenn er so das eine oder andere Tierchen denkt. Und ja, da lag der Herr, platt auf seinen Bauch mit der Taube direkt vor seiner Schnauze. Ich bin fix und fertig, nimm das Tier weg.  Das muss ich nicht in der Küche haben, verstehst Du?“

Der ganze Satz kam in einem Rutsch heraus, ohne Atem zu holen fluppte er so heraus.

 

Zuhören

Gehorsam, wie ich nun mal bin, nahm ich die Taube auf und sprach vorwurfsvoll zu ihr: „ Das möchte das Frauchen nicht, hörst du. Das musst du nicht wieder tun, aus!“ Das letzte war an meinen Hund gerichtet, weil er alles Mögliche anstellte, um meine Hand nach unten zu ziehen, weil, er wollte seine Taube wieder haben!!

Mit einem Fuß den Hund weg haltend und mit einer Hand die Taube hoch über meinem Kopf  haltend, fand meine Frau, dass es lange genug gedauert hat. „Beeil Dich mit dem Blödsinn und raus aus dem Haus“.  Das war eindeutig und nicht auslegbar.

Wieder draußen habe ich der Taube ermutigend zugesprochen und sie wieder in die Voliere gesetzt, damit sie sich von ihren Abenteuern erholen konnte.

 

Nach zwei Tagen schien sie wieder reif für die Freiheit zu sein.

Aufgrund von früheren Erfahrungen in unserem schönen, aber eingezäunten Garten , in dem unser Hund nun mal der Herr und Meister ist, schien es mir unklug, sie nochmals hier freizulassen.

Taubemann wird wieder in einen Transportkäfig gesteckt und ich habe ihn dann an den Waldrand in der Nähe unseres Hauses gebracht. Da habe ich ihn dann auf den Boden gesetzt und ….. er blieb sitzen wo er saß. Keine Bewegung mehr rein zu kriegen. Dachte ich. Ich blieb mit einem kleinen Abstand stehen und sah zu. Weil er wirklich keine Anstalten machte, um abzuhauen, ging ich in seine Richtung. Das hatte genügt, damit er aufsteigt und auf einem Ast an einem nahe stehenden Baum Platz zu nehmen. Von dort, sicher und hoch, sah er mich noch kurz an, gurrte noch ein paar Mal, dreht sich um und flog tiefer in den Wald hinein.

Weg war unsere Kamikaze Taube.

Wieder zu Hause angekommen, musste ich in allen Einzelheiten erzählen, wie es gelaufen ist. Ich habe die Geschichte ganz genau so erzählt wie sie war.

Meine Frau sah mich an und sagte: „Findest Du das sonderbar, dass sie wieder weg ist? Das Tierchen sah Dich ankommen und dachte bei sich selber ‚schnell weg hier, da  ist der fiese Kerl mit den großen Händen wieder’. Nein, es ist gar nicht so sonderbar, das er gemacht hat, dass er wegkommt.“

 

Sie sah mich an und es war einer von den Momenten, wo man besser den Mund halten kann, das tat ich dann auch.

„Möchtest Du Kaffee, ich habe noch etwas anderes zu tun als nur das mit Deiner Taube!!“

 

Ach, sie fliegt wieder, würde ich mal sagen!!!

 

 

© Original Robert Barlage

© Übersetzung Martin Hauschke, im August 2012