Neues Leben !!

13-04-2012 11:18

 

Ein neues Leben

Es gibt Tage im Leben, an denen ich keine Lust verspüre das zu tun, was meine Frau von mir erwartet. Nicht aus Trotzigkeit, oder um sie zu ärgern. Nein, einfach nur weil ich irgendwie keine Lust dazu habe. Nun kann ich natürlich daran ganz schnell eine Geschichte aufhängen wie ‚wenn ich keine Lust dazu habe dann passiert da auch nichts’, aber das ist natürlich viel zu durchsichtig. Kein Mensch, der mich kennt, glaubt das.

Jeder, der zusammen lebt, wohnt und sich lieb hat weiß, dass es Momente gibt, wo Rumquengeln wohlmöglich ein gutes Gefühl gibt, so ein Gefühl wie ‚dieses Mal gebe ich nicht nach, dieses Mal gewinne ich’, aber dass du letztendlich doch den Kürzeren ziehst und genau das machst, was der Partner gerne möchte.

So auch an diesem Mittwochnachmittag. Meine Frau und Gott sei Dank auch meine Freundin hatten sich gedacht, noch eben ein paar Einkäufe in den Niederlanden zu besorgen.

Mein Frau, meine Freundin

Um das mal zu verdeutlichen, wenn ich von meiner Frau und meiner Freundin spreche, müssen sie nichts dahinter vermuten. Das ist einfach ein und dieselbe Person. Nicht dass sie denken, das ich sowohl eine Frau als auch eine Freundin habe. Nein, das würden sie bestimmt nicht gut finden!
Nun gut, nach etwas Feilschen wurde einstimmig beschlossen, nach Vlagtwedde zu fahren und auch noch die Post mitzunehmen. Seit wir auf der Deutschen Seite der Grenze wohnen, haben wir dort eine Postanschrift. Dorthin lassen wir allerlei Sachen schicken, wofür man sich sonst bei der Post dusselig und dämlich bezahlt (oder muss man gegenwärtig TNT sagen).

 

Die Fahrt nach Vlagtwedde ist immer ein Vergnügen. Die Fahrt dauert etwa eine dreiviertel Stunde, wobei der erste Abschnitt am Küstenkanal entlang führt. Die Straße entlang des Küstenkanals, die B401, verbindet die A31 mit u. a. Oldenburg. Zu jeder Jahreszeit ist es ein Vergnügen, dort zu fahren.
Im Winter sind oft große Eismassen auf dem Kanal, dann sind dort Eisbrecher vom Wasser und Schiffartsamt im Einsatz, die die Fahrrinne für die Binnenschifffahrt offen halten. Binnenschifffahrt, die mit großer Regelmäßigkeit zwischen dem Dollart über die Ems und den Küstenkanal bis hin zum Hafen von Berlin verkehrt.
Und dann das Frühjahr, wenn der Schnee verschwunden ist, wenn die ersten Frühjahrsblumen wieder ihren Platz in der braun gewordenen Vegetation am Straßenrand einnehmen. Oder im Sommer, wenn nach dem Berufsverkehr auf dem Küstenkanal auch die Vergnügungsfahrt wieder ihre Stelle einnimmt.

Aber das schönste in dieser Jahreszeit ist es doch, wenn viele Bäume ihr schmuckes Herbstkleid anhaben, ein Fest der Farben und Düfte. Wenn Bäume plötzlich wieder etwas Licht durchscheinen lassen und den Blick auf das Hinterland freigeben. Die Bauern sind damit beschäftigt, die letzten Parzellen Mais abzuernten. Und das alles in einer Herbstsonne, die mehr von einem Spätsommertag hat als von einem Herbsttag. Kurzum, ein Fest um im Auto zu sitzen und zu genießen, was die Schönheit der Natur an so einem Tag zu bieten hat.
Das „schau mal“ und „siehst du das“ ist nicht aus der Luft. Entlang des Weges trage ich die Wandlung von ‚nicht wollen’ hin zu ‚mit müssen’ wie ein Mann und beginne mehr und mehr begeistert Spaß daran zu haben. Bis zu dem Moment, an dem sie, meine Frau und Freundin, mir spitzfindig aufzeigt, dass es doch eine gute Idee war, noch mal eben loszufahren.
„Wenn ich dich da so sitzen sehe und wie viel Spaß es dir macht, das konnte ich dir nicht vorenthalten, nicht wahr?“
In dem Moment kenne ich meinen Standpunkt und schweige.

Wild
Unmittelbar danach überquerten zwei Rehe die Fahrbahn, so etwa 30 Meter vor uns verschwinden sie am Waldrand. Wir waren etwas verdutzt. Es ist kein weiterer Verkehr auf der Straße, so bremse ich ab um das Bild von ein paar herumtollenden Rehen, die sicher die gegenüberliegende Seite erreicht haben, zu genießen. Als sie außer Sichtweite sind, kucke ich neben mir und sehe, dass meine Frau ein Lächeln von einem Ohr zu anderen übers Gesicht hat.

„Was hast du?“, frage ich überrascht. „Was ist los?“ In dem Moment, wo ich die Frage stelle, weiß ich, dass ich einen Fehler mache. Frage niemals nach dem Unbekannten, denn dann hörst du Dinge, die du gar nicht hören willst. Auch nun war es wieder so.  
„Tja, ich habe es gerade eben auch schon gesagt und ich halte nichts davon, ständig Recht haben zu müssen, aber das hättest du alles verpasst, wenn wir deinem Willen gefolgt und wie üblich zuhause geblieben wären!“ Um dann noch mal spitzfindig hinzuzufügen, „so ist es doch?“ Dies alles unter einem sehr liebevollem Lächeln, natürlich. 
Wir fahren weiter und verlassen die B401 auf der anderen Seite der Autobahn. Wir fahren nun durch eine waldreiche Gegend. Auch hier wieder die Farbenpracht, ich drehe das Fenster ein wenig runter, der Duft von frisch geerntetem Porree, vermischt mit dem Duft des feuchten Waldbodens und frischen Waldpilzen strömt ins Auto. Wir schauen uns gegenseitig an. Ich gehe kein Risiko mehr und ergreife die Initiative. „Nun, sag es nur! Sag mal, dass du Recht hast!“, rufe ich herausfordernd mit einem breiten Lächeln. Dann noch einen etwas herablassenden Blick von mir. Sie sieht mich an und sagt „Ich sage nichts, mich wirst du darüber nichts mehr sagen hören. Ich will nicht sagen, dass ich wieder Recht habe, so bin ich nicht und darum tue ich das nicht!“

Wir sind inzwischen an Neuheede vorbei und fahren in die Bourtangerstrasse in Richtung Bourtange. Wir sind nun nah der niederländischen Grenze und die Stimmung im Auto ist wieder so, wie es sich gehört. Ich sehe mit einem halben Auge rechts neben mich und sehe meine Frau glücklich vor sich hin schauend, sie genießt die Natur und die Farben um uns herum.
Für einen kurzen Bruchteil sehe ich eine Wiese, rechts vom Weg, vor einem großen Bauernhof, eine Kuh liegend und zwei Kühe stehen drum herum. Während wir vorbeifahren, sage ich zu meiner Frau „Hast du das gesehen? Sahst du die eine Kuh daliegen während die anderen Beiden drum zu standen?“ Während ich das sage, sind wir da schon etwas vorbei. Ich bremse ab und versuche, den Wagen zum stehen zu bringen. Ich kucke noch einmal nach hinten und sehe, dass die zwei Kühe nervös um die liegende Kuh herum laufen. Ich drehe auf der schmalen Straße. Wir fahren zurück zu der Einfahrt des Bauernhofes, meine Frau sagt noch „Heh, lass das Tier mal in Ruhe, es liegt wie immer angenehm!“

Nun, ich bin absolut kein Bauer und so sehr viel Verstand von Tieren habe ich nun auch wieder nicht. Aber, wenn eine Kuh liegt und das halbe Innenleben hängt heraus, dann kann das nur zwei Dinge bedeuten: sie ist bei der Geburt oder es etwas ist ernsthaft falsch bei dem Tier. Ich bin für das erste. Ich steige aus dem Auto, worauf meine Frau sofort sagt, „Bleib nun sitzen, das Tier wird ganz nervös von dir!“ 
„Ich gehe dem Bauern Bescheid sagen, dass seine Kuh kalbt“. Ich steige ein, fahre zum Hof und klingele an der Vordertür. In meinem besten Deutsch habe ich dem Bauern deutlich gemacht, dass er dabei sein könnte, der Mitvaterschaft bezichtigt zu werden.
Der Bauer bedankte sich und lief sofort nach drinnen. Noch bevor ich wieder im Auto saß, lief er schon über den Hof, Richtung Weide, mit einem Tau in seinen Händen um es um die Beine des Kalbes zu binden, falls es nicht von allein heraus kommen sollte.

Gedreht
Ich habe das Auto inzwischen schon wieder zur Straße gefahren und beobachtete den Bauer. Der schüttelte den Kopf und rief mir zu “das wird noch eine Weile dauern“ worauf er sich wieder umdrehte und mit einem Ballen Heu beschäftigt war. Der Ballen Heu wurde am Rand der Weide hingelegt, er sorgte dafür, dass die anderen Kühe die angehende Mutter in Ruhe ließen. Tja, auch bei den Kühen geht die Liebe vor (oh nein, durch) den Magen.

Was nun tun. Wir würden am liebsten bleiben, bis das Kälbchen seinen ersten Blick in die weite Welt werfen würde. Aber dann könnte es sein, dass die Geschäfte in Vlagtwedde schon geschlossen sind, wenn wir dort ankommen. Wir beschlossen, weiterzufahren und dann auf dem Rückweg nach Hause noch mal vorbeizukommen. Dann stände die Chance gut, dass das Kalb bereits geboren ist. Wir sind dann schnell durchgefahren, Einkäufe getätigt, die Post geholt und überall den üblichen Plausch abgehalten. Wir mussten immer die Stände und Buden besuchen!
Auf dem Rückweg beschlich uns so eine eigenartige Spannung, sollte es schon passiert sein? Ist es gut gegangen? War es von allein rausgekommen oder musste der Bauer ziehen helfen. Fragen über Fragen. Noch zwei Kurven, dann sollten wir es wissen. Noch eine Gerade und eine Kurve, dann müsste es zu sehen sein, oder nicht?

Die letzte Kurve, noch ein Stück geradeaus und dann …….. nur die Kuh, die immer noch am Boden lag, ihren Kopf von uns abgewandt. Der große Kuhkörper zitterte und schlug. Je näher wir kamen, desto besser waren die Stöße zu sehen und ab und zu ging ein Zittern durch die große, schwarz-weiße gefleckte Masse. Mit ihrem Kopf machte sie unkontrolliert rollende Bewegungen, ich dachte …..       
Wir fuhren ein Stück weiter, wir waren nun auf der Höhe mit der Kuh, die noch immer stieß. Die anderen Kühe ließen es sich auf dem ausgestreuten Stroh gut gehen.

Plötzlich sah ich, dass zwischen ihren Beinen ein kleines Kälbchen lag, das sich mit jedem Ruck des großen Kuhkörpers mitbewegte. Die Ursache des Ruckens war jetzt auch klar, sie leckte das Kalb sauber, mit der großen Kuhzunge. Das ging mit einer solchen Hingabe, dass das ganze Kälbchen hin und her geschoben wurde. Das Kälbchen unternahm tapfere Versuche, zu entkommen und wurde doch jedes Mal wieder durch die große Kuhzunge zurück geschoben, die mit soviel Liebe das Neugeborene versorgte.

Es dämmerte und die Sicht auf die Szene wurde schlechter. Die Dunkelheit des Waldes und der aufziehende Bodennebel machten den Platz etwas mystisch. Die liegende Kuh hat nur noch einen Kopf, das Kälbchen ist mittlerweile im Nebel verschwunden. Wir kuckten uns gegenseitig an und fühlten beide dasselbe. „Was für ein schöner Anblick, nicht wahr?“, sagte ich. „ Nun, es ist wirklich toll!“ sagte meine Frau, „Ich denke, es wird Zeit zu gehen“ fügte sie dem noch hinzu. Ich nickte und ging zum Auto. Was für ein wundervolles Erlebnis. Natürlich, es werden tausende Kälbchen geboren, aber gerade dieses Kälbchen, das wir von so nahem erleben durften. Genau diese Geburt gab diesem Tag etwas Besonderes.

Nach Hause
Ich stieg ein, schloss die Tür und startete den Motor. Ein Schauer ging durch meinen Körper, von der aufziehenden Abendkühle. Meine Freundin sah das, nahm mich zu ihr und sagte ganz besorgt: „Was ist mit dir? Woran denkst du?“ 
Ich fing zu lachen an und sagte, reichlich triumphierend: „Nah siehst du, mit deinem eigenartigem Getue. Es ist man gut, das ich solange gequengelt habe um noch eben in die Niederlanden zu fahren, sonst hättest du das alles heute nicht erleben können!!

Die einzige Antwort, die ich bekam, war „PPPFFFFFFFFFFFFF Trottel!!!!“


Original © by Rob Barlage

Deutsche Übersetzung © by Martin Hauschke