Mein Freund ist tot!!

27-03-2012 19:18

 

 

(Original von Rob Barlage, Deutsche Übersetzung von Martin Hauschke)

Seit ein oder zwei Wochen ist in unserem Garten wirklich was los. Normalerweise ist der Garten eine Oase der Ruhe. Nun aber ist es lebendig geworden im Garten, wie zu keiner anderen Jahreszeit. Im Garten wimmelt es nur so von jungem Leben, wobei hier die Vögel den obersten Ton angeben. Alles was fliegen oder laufen kann, hat sich einen Platz in unserem Garten erobert.

An sich auch nicht verwunderlich, bietet doch eine schmucke Koniferenhecke genügend Raum und Schutz vor unerwünschten Eindringlingen. Die Krähen, Dohlen, Stare, Amseln und was sonst nicht noch so alles lebt wieder in angemessener Harmonie zusammen. Die eigentliche Brutzeit ist vorbei, die Jungen werden schon fast erwachsen und können nun selbstständig das Futter aus dem Häuschen holen und das Brot vom Rasen aufpicken.

Die nun folgende Erziehung ist eine weitere Aufgabe für die Älteren. Wer machte sich auch schon wieder Sorgen um den Spatzenbestand? Wir sicher nicht, es wimmelt nur so von den kleinen Bengeln hier im Garten. Zusammen mit den Meisen, den Buchfinken und den Grünfinken und all den anderen Arten die man sich vorstellen kann, geht es hier ziemlich lebhaft zu.

Das Nest von den Staren steht auch wieder leer. Die Stare hatten gegen die Dohlen gewonnen und danach haben sie sich gegenseitig in Ruhe gelassen. Vier junge, kräftige Stare sind von Pa und Ma aufgezogen und nun ausgeflogen. Auch dort ist nun wieder Ruhe eingekehrt.

Die jungen Dohlen haben inzwischen, zusammen mit den Elstern, das Futterhäuschen gefunden. Zusammen mit den Türkentauben ist es immer ein Kampf, wer sich als erster auf die Haferflocken stürzen kann. Meistens gewinnen die Tauben das Gefecht. Nicht das sie nun so viel stärker wären. Nein, einfach deshalb, weil die kleineren Tauben besser in das Futterhaus passen als die großen sperrigen Dohlen.

Es ist ein wunderschöner Anblick und ein, möglicherweise, noch schönerer Hörgenuss wenn zum Beispiel bei Sonnenuntergang die jungen Amseln Gesangsunterricht von den Älteren bekommen. Wenn sich dann die Stare, unaufgefordert, an der Singerei beteiligen, ist das Fest wirklich komplett. Ach, es ist nicht immer nur eine Freude, die jungen Dinger so beschäftigt zu sehen. So ein Tierparadies hat auch seine dunklen Seiten.

Seit zwei Wochen haben wir hier vier ganz junge Elstern im Garten, die eindeutig von den beiden Eltern beigebracht bekommen, wie sie das Futter, das hier nun mal zum Aufsammeln rum liegt, für sich nutzen können. Die Jungen wuchsen sehr schnell, das Futter für sie ist kaum ranzuschleppen. In dem Maße, wie die Jungen immer gesünder und erwachsener wurden, sah man, dass es für einen von den beiden Eltern immer mühsamer wurde. Nach etwa fünf Tagen waren die Jungen mit einem der Elstereltern weggezogen. Die älteste Elster war im Garten geblieben. So wie die Tage vergingen, ging er (ich gehe der Einfachheit halber davon aus, dass es ein Er war!) stets langsamer durch den Garten. Er flog so gut wie gar nicht mehr, sondern stapfte sehr selbstsicher und keck durch den Garten, als wäre es die natürlichste Sache der Welt.

Auch wenn ich zur Gartenpflege durch den Garten ging, schien ihn das immer weniger zu interessieren. Er hatte sich offensichtlich ein paar Lieblingsplätze in unserem Garten ausgesucht. In den Abendstunden saß er gerne auf einer der Fensterbänke. Er sah uns dann an, wenn meine Frau und ich am Esstisch saßen und aßen. Als ich nach dem Abendessen nach draußen ging, kam ich weniger als einen halben Meter an ihm vorbei. Er schaute mich trotzig an mit einem Blick, der sagte, dass es sein Garten war und ich nur Gast.

Als ich tagsüber mit Umtopfen von Pflanzen an einem großen überdachten Arbeitstisch im Garten beschäftigt war, suchte er sich einen Platz aus, von dem er mich gut im Auge behalten konnte. Er versuchte sich immer weiter zu nähern. Ab einem gewissen Moment war es dann soweit, dass er Brot annahm, das ich dicht neben mir hinlegte, er nahm es an und ließ es sich schmecken. Ganz in Ruhe wurde das Stück Brot untersucht und dann komplett zerlegt. Danach wurde jeder Krümel ganz vorsichtig in den großen schwarzen Schnabel genommen und verputzt.

Ich bin morgens immer früh wach, so gegen sechs Uhr mache ich meine erste Tasse Kaffee und schneide das Brot vom Vortag in Stücke und werfe es dann auf den Rasen. Das ist das Zeichen für meine ‚geflügelten Freunde’ (nein, nicht die mittlerweile ins Alter gekommene Pianisten!), um auf das Grasfeld zu kommen. Seit nunmehr 4 Tagen kommt ‚unsere’ Elster zu spät und das meiste ist schon weg. Er muss sich dann mit den letzten Brotkrümeln zufrieden geben. Auch die anderen Vögel weichen vor ihm nicht mehr zur Seite, der einst so imposante Vogel ist nur noch ein Schatten seiner selbst. In den letzten Tagen habe ich stets ein wenig Brot neben das Wasserbecken gelegt, dicht vor der Fensterbank, dort wo er die Nächte verbringt. Sobald ich dann zwei Schritte zu Seite machte, kam er mühsam von der Fensterbank runter, lief die fünf Schritte zum Wasserbecken, nahm das Brot zu sich, spülte danach mit Wasser hinterher und begab sich danach wieder zurück zur Fensterbank, wo er dann zufrieden den Kopf in die Federn steckte und noch etwas weiter döste.

In den letzten Tagen war morgens mein erster Gang zu der Fensterbank, um meinen neuen Freund zu begrüßen, zusammen mit unserem Hund, einem walisischem Springer Spaniel, der auch völlig verrückt nach der Elster ist. So wie sich das für einen guten Freund gehört, wünschte ich ihm jeden Morgen einen Guten Morgen und fragte, ob alles gut war. Nun müsst ihr nicht glauben, dass ich senil werde oder so, aber so geht das nun mal morgens um gerade mal sechs Uhr, da ist gewöhnlich niemand sonst, mit dem man reden kann.  Er schüttelte sich dann aus und machte sich fertig für den Gang zum Brot und zum Wasser. Mein Hund und ich hielten dann Abstand und schauten mit Interesse zu.  Im Laufe des Tages trafen wir ihn mindestens 10 bis 15 Mal. Mit jedem Mal wurde der Abstand zwischen Mensch und Elster etwas kleiner.

Gestern Morgen habe ich ihm, neben dem Brot, auch noch ein Stück Käse gegeben. Das wurde mit Genuss gegessen.

An diesem Morgen, sonnig nach dem schweren Regen von gestern, sahen der Garten und die Natur wieder großartig aus. Also um sechs Uhr aus dem Bett, Klamotten an und nach unten. Beim passieren des Kaffeeautomaten schnell auf den Knopf gedrückt, so dass binnen zwei Minuten eine dampfende Tasse schwarzen Kaffees nicht nur den Tag, sondern auch meine Augen erwecken sollte. Und schnell zum Gartentor. Dieses öffnend werde ich schon von meinem Hund zur Seite geschoben, der deutlich macht, dass er an diesem frühen Morgen den Garten als erster erkunden will.

Mein erster Gang war zu der Fensterbank, wo die Elster ihren festen Platz gefunden hatte. So wie gewöhnlich begrüßte ich mit: „guten Morgen mein geflügelter Fre….“

Die Worte verstummten mir im Mund. Nichts, kein Freund in Sicht. Ich schaute schnell und oberflächlich durch den Garten, nichts zu finden. Auch Sjipke, mein Hund, wurde schon ziemlich nervös. Wir sahen noch zwei junge Kaninchen das Feld verlassen, und dass die Igel sich in ihr Tagesunterkunft zurückzogen, aber keine Elster.

Vielleicht denken sie ‚Na und?’, vielleicht denken Sie, ’die Elster ist einfach davon geflogen’.

Tja, das wäre das Beste gewesen, aber ich fühlte mich nicht glücklich dabei. Am Tag davor hatten meine Frau und ich noch darüber gesprochen dass er von Tag zu Tag schlechter aussieht. Meine Frau sagte noch, er sieht aus, als ob es wenig auf sein Ende zugeht. Nun, da wollte ich noch nichts davon hören.

Ich machte mir durchaus ein wenig Sorge um diese verrückte Elster. Er war eindeutig nicht mehr der schnellste und eine Katze oder so hätte ihn durchaus packen können. Ich ging wieder rein und begann mit dem täglichen Morgenritual, Brotschneiden für die Vögel. Nachdem ich damit fertig war, nahm ich das Brotscheidebrett und ging damit nach draußen. Sofort schlug Sjipke an. Hinter dem großen Tannenbaum in unserem Garten, da stand Sjipke und bellte. Ich warf das Brot auf den Rasen und legte das Schneidebrett eben nieder. Ich ging um den Baum herum und sah, wie Sjipke mit seiner Nase gegen etwas anstupste, das im Kiesbett lag. Nach jedem Stupser gab er einen kläglichen Ton von sich, es war kein Bellen, nein, es war fast so wie eine Art wie Weinen. Und wieder schubste er mit seiner Nase gegen etwas. Er stellte sich so hin, dass ich nicht sehen konnte was es war. Ich zog ihn weg und sah dann im feuchten, grauen Kies die Elster liegen. Bewegungslos und ganz steif. Im Garten war es plötzlich still. Kein Gezwitscher, kein Gesang, nein, einfach totenstill.

Meine Elster war nicht mehr.

Sie war auf der Stelle umgefallen.

Gestorben an Altersschwäche.

Ich hoffe, dass sie es in den letzten zwei Wochen nicht schlecht gehabt hat.

In mir gab es jedenfalls so ein Gefühl, dass da ein Freund verstorben ist.