Marathonläufer

27-03-2012 19:25

 

 

Marathonläufer, 31. Dezember, vier Uhr nachmittags.

Schwaden einer schmierigen, kalten, feuchten Nebeldecke umschließen den Berg von Esterwegen. Das Dorf ist ruhig. Das normalerweise belebte Einkaufszentrum ist leer und verlassen.
Die Parkplätze bei Aldi, Lidl und Netto liegen still und verlassen, fast traurig. Die Haufen von Altschnee überziehen schwarze Ränder, wie üblich bei Tauwetter, das Weiß des frischen Schnees verschwindet.

Der Schnee nimmt die Farbe der Umgebung an in dem er liegt und wartet, bis nichts mehr von ihm übrig ist. Nur beim Italiener (in Wirklichkeit ist er ein Türke) parkt ein Auto. Kaum zu erkennen, ob es das Auto eines Kunden ist oder der Wagen des Inhabers.

Eine Frau läuft über den Parkplatz, ich schätze Sie in Ihren späten Fünfzigern. Sie schleppt mindestens fünf Plastiktüten mit sich rum. Sie ist gerade von Ihrem täglichen Spaziergang zurück. In den drei Jahren, in denen ich jetzt hier lebe, ist kein Tag vergangen, an dem ich Ihr nicht begegnet wäre. Sie trägt schon seit 3 Jahren die gleiche Kleidung, die gleiche Mütze, nur eben nach Saison in verschieden Schichten. Ihre Schuhe sind auch vom Wetter abhängig, im Sommer träg Sie offene Sandalen, im Winter einen geschlossenen Schuh. Ihre Brille ist alt, genau wie ihre Kleidung und ihr Haar ist fein, fast zerbrechlich. Die Plastiktüten sind aus verschiedenen Unternehmen, eine Vorliebe für LIDL ist aber erkennbar.

In diesem Sommer begegnete ich Ihr nicht nur in Esterwegen, sondern auch in Papenburg, manchmal auch auf dem Weg nach oder von Papenburg, am Küstenkanal. Abhängig von der Tageszeit. Morgens über die Poststraße und Hauptstraße in Richtung Küstenkanal, danach über die Papenburgerstraße und Splitting- Rechts in die Stadtmitte von Papenburg. Insgesamt 21 km. Noch am selben Nachmittag geht sie im gleichen Tempo den gleichen Weg zurück nach Esterwegen.

Unermüdlich, jeden Tag auf Reisen, jeden Tag legt sie einen Marathon zurück. Es scheint so, als ob sich niemand um Sie kümmert. Ich weiß, dass einige Dorfbewohner schon mehrfach versucht haben, Kontakt mit Ihr aufzunehmen. Vergebens. Siehe wählt ihren eigenen Weg, aus Ihrer eigenen Sicht auf Ihr Leben. Wenn sie allein zu Recht kommt, fällt Sie keinem zur Last. Sie lebt, wie sonst eigentlich niemand leben möchte. Scheinbar allein und einsam. Der Anblick dieser einsamen Frau macht mich traurig.

Sie läuft fast direkt auf mich zu. Es ist, als ob sie mich nicht sieht, nicht wahrnimmt. Mit schnellen Schritten kommt Sie näher, sie unternimmt keinen Versuch auszuweichen. Ich gehe langsamer und suche nach einem Ausweg um den Zusammenstoss zwischen uns zu vermeiden. Es ist schon witzig, dass auf diesem immens großen Parkplatz zwei Menschen im Gehen zusammenstoßen könnten. Ich bin fast im Stillstand, aber sie läuft im gleichen Tempo in einer geraden Linie auf mich zu. Mir scheint es, als könne sie mich nicht sehen. Noch vier weitere Schritte und sie wird mich umlaufen. Drei weitere Schritte, sie blick zu mir rüber. Noch zwei weitere Schritte bevor sie mit mir zusammenknallt, ich weiche nach rechts aus um zur Seite zu treten, da macht sie den letzten Schritt.

In dem Augenblick, einen Schritt von mir entfernt, stoppt sie und sieht mich verwundert an, sieht mich stehen, zögert etwas. Es gibt so etwas wie eine vages Lächeln auf ihrem Gesicht. “Einen guten Rutsch”
Ich bin total verdutzt, überrascht und stammele so etwas wie “Dir dasselbe”

Unmittelbar danach geht sie weiter, dahin, wohin sie unterwegs war.

Es war die seltsamste Begegnung die ich jemals erlebt habe, aber sie wird für immer in meiner Erinnerung bleiben.

Ich wünsche Ihnen allen ein frohes neues Jahr und einen noch besseres 2011, ich hoffe für die Marathonläuferin, dass sie ihr Glück in diesem neuen Jahr finden wird!