Kinderlogik !

02-08-2013 18:51

Beobachtung

Wie so  oft erhält man durch die Beobachtung von Kindern die eindruckvollsten Bilder. Kinder sind unbefangen, tun nicht so als ob und sind in allem was sie tun, spontan. Das gilt auch oftmals für ihre Aussagen. Mache verblüffen einen, mache sind schockierend aber meist sind sie einfach nur witzig und komisch.

Dort wo wir wohnen, laufen jede Menge Kinder wild umher. Das liegt daran, weil wir in einer verkehrsberuhigten Umgebung leben und nur die Bewohner und deren Besucher kommen den Berg hinauf. Die wissen inzwischen, dass da eine große Anzahl der gesamten Nachkommenschaft rumläuft und passen daher besonders auf! Die Spontaneität all der kleinen Hosenscheißer ist oftmals hinreißend.

 

Wir haben von Anfang an alles mitgemacht und dadurch ist im laufe der Jahre ein Band gewachsen, nicht nur zu den großen Nachbarn sondern auch zu den Kleinen. Und die sieht man dann größer werden. Erst die Bäuche der Mütter natürlich. Danach die kleinen Häufchen, die im Kinderwagen liegen und gurrende Geräusche von sich geben. Die ersten Gespräche mit den kleinen Steppkes, die ersten Gespräche über den kleinen Köpfchen, so etwas wie “eeehhhh, dadadadadada!!!” und so ein kleines Ding wird dann pflichtgemäß lächeln und dabei denken ………. ja , genau!!

 

Dann beginnen die kleinen Knirpse zu sprechen.

Sie beginnen, Wörter zu rufen, anfangs etwas unverständlich (oft ist es, wie mir scheint, auch besser so!). Dann kommt der Moment, wo sie beginnen, Fragen zu stellen, viele Fragen, ganz viele Fragen,  ganz unheimlich viele Fragen. So, dass man oft Mitleid bekommt mit den hilflos flehend umherblickenden Eltern.

Dann geschehen auch die schönsten Dinge, sie erhalten oft höchst unerwartete Fragen wobei man bei manchen rot bis hinter den Ohren wird. Manchmal auch eine Frage, die man unmöglich beantworten kann, oder einfach eine Antwort, die sie nicht erwarten.

 

Hanna

So eine Antwort kam von einem der jüngsten Sprösslinge, nun schon wieder eine Weile her. Sie wird so etwa drei Jahre gewesen sein. Hanna heißt sie. Hanna war die Jüngste aus der Familie, ihr großer Bruder wachte über sie und ihre Eltern wachten wiederum über die Beiden. In einer freundlichen Art und Weise aufgewachsen, wunderbar frei und nicht schüchtern erzogen, Die Kinder, wohlgemerkt!!!

Meine Frau hatte sich gedacht, dass es wohl nett wäre, Hanna etwas für ‚Mädchen’ zu schenken. Es war ein Buch in so einer süßen rosa Farbe, das man absolut nicht an einen Jungen verschenken sollte. Es war ein Prinzessinnen Buch.  Ein Buch mit vielen Geschichten über kleine Prinzessinnen mit vielen Bildern, und es war dafür bestimmt, um von den Müttern vorgelesen zu werden!

Anfänglich war Hanna mehr als begeistert, sie nahm das rosa Buch in Empfang und sah es von allen Seiten an, dann aber verblasste das strahlende Lächeln langsam in ihrem Gesicht, sie sah etwas bestürzt auf das Buch in ihren Händen. Ihre Mutter lobte das Buch in den höchsten Tönen, als wäre es ein Schatz. Das machte Hanna noch misstrauischer. Sie drehte sich resolut um zu meiner Frau, streckte ihr das Buch entgegen und machte ihr deutlich, dass sie es zurückgeben wollte.

„Das ist für Dich, Kindchen. Das kann Hanna behalten!!“, versuchte meine Frau Hanna zu überzeugen.

Hanna sah sie mit geneigtem Köpfchen an, schüttelte ein wenig ihr Haupt und sagte:

„Hanna hat schon ein Buch“ und schob das Buch resolut wieder in die Hände meiner Frau zurück.

Wir fingen alle an zu lachen und Hanna drehte sich entschlossen um und war schon wieder mit dem Bruder am streiten, wer mit dem Go-Kart fahren darf. So spontan kann natürlich nur ein Kind reagieren.

 

Besug 

Inzwischen sind ein paar Jahre vergangen und Hanna ist jetzt etwa fünf oder sechs Jahre alt. Es ist ein ordentliches Mädchen geworden, das sie mit ihrem liebevollen Lächeln komplett  bezaubert. Immer auf der Suche nach dem großen Abenteuer, das natürlich nicht wirklich direkt vor der eigenen Haustür zu finden ist.

Nein, dafür zieht sie in die weite Welt hinaus. Zumindest in die weite Welt, die durch die Eltern von Hanna so festgelegt wurde und da kann auch nicht drüber diskutiert werden.

Hanna hat soviel Respekt vor ihren Eltern, dass es im Allgemeinen wohl gut geht. Die weite Welt wird durch eine Bodenschwelle auf der Straße vor meinem Arbeitszimmer begrenzt.

Dort enden die Abenteuer von Hanna …. zumindest bis noch vor ein paar Tagen.

 

Es war ein wunderbarer Nachmittag im Sommer. Wir saßen gerade beim Kaffe zusammen mit dem Nachbarn und seinen beiden Töchtern von nebenan. In meinen Augenwinkeln sah ich durch das Fenster plötzlich Hanna vorbei rasen, zusammen mit einer Freundin und alle beide auf ihrem eigenen kleinen Fahrrad. Der Weg führt an uns vorbei nach unten, wodurch sie wirklich an uns vorbei flitzen konnten. Ich sprang auf um zur Vordertür zu laufen um ein Auge nach draußen zu werfen, ob ich jemanden von den Eltern sehen konnte. 

 

In dem Augenblick, in dem ich die Haustür aufmache um zu sehen, wo die jungen Damen sich befinden, höre ich plötzlich die klare Stimme von Hanna.

„Moin, wir kommen mal eben zu euch!!“. Es war keine Frage, sie sprach es auch so aus, als ob es die normalste Sache der Welt wäre. Die Fahrräder waren schon auf der Einfahrt geparkt.

Nun bin ich nicht so schnell sprachlos, aber in dem Moment wusste ich nicht, was ich sagen sollte.

Sie sah mich ein wenig besorgt an und fragte:

„Was ist?“

In der Zwischenzeit lief sie an mir vorbei und ging nach drinnen. Unterdessen machte sie ihrer Freundin, die ich noch nie gesehen hatte, klar, dass sie ihren Fahrradhelm absetzen muss. Während sie durch den Flur lief, sah sie die Schuhe meiner Frau dort stehen. Sie ging direkt ins Wohnzimmer zusammen mit ihrer Freundin, begrüßte zuerst Els und danach den Nachbarn mit seinen Töchtern.

Plötzlich dreht sie wieder um, so, als ob sie etwas vergessen hatte. sie lief an mir vorbei in den Flur. Sie sah mich an und sagte:

„Wir ziehen auch mal eben die Stiefel aus“, unmittelbar darauf folgten Taten den Worten und in kürzester Zeit standen zwei paar Stiefel neben den Schuhen meiner Frau. Ich konnte nur mit Mühe ein Lachen unterdrücken.

Ich sah sie durchdringend an und sagte:

„Hanna, hast Du Papa und Mama Bescheid gesagt, dass Du bei uns bist? Nicht das die beiden euch suchen, weil, dann hast Du wirklich ein Problem, junge Dame!“

 

Voller Überzeugung sah sie nach oben, wo ich, hoch wie ein Turm, über sie hinausragte, sie schüttelte ihr Köpfchen und murmelte etwas vor sich hin, so etwas wie: „Doch, doch, ich hab den Beiden Bescheid gesagt!“

„Ich rufe Papa doch mal eben an, damit er Bescheid weiß, wo ihr seid“ sagte ich zu ihr.

Das machte keinen Eindruck auf sie und es hatte so etwas von, mach mal was Du nicht lassen kannst.

Ich nahm das Telefon und rief ihren Vater an. Im gleichen Augenblick sah ich ihn auf dem Rad vorbei kommen und den Berg hinunter fahren, sichtlich auf der Suche nach seiner geliebten  kleinen Tochter!

Ich eilte zurück zur Haustür, rufen hatte natürlich keinen Sinn als er auf dem Rad durch die Nachbarschaft fuhr auf der Suche nach seinem kleinen Blag.

Ich fing an zu brüllen: „Marcus, Hanna ist bei uns, wenn Du sie suchst“: Marcus ging voll in die Bremsen und drehte um…

 

Danach ging ich zurück ins Haus, im Wohnzimmer hatte Hanna inzwischen das Sagen und erzählte in allen Einzelheiten wer ihre Freundin ist und woher sie kommt. Mitten in der Geschichte stockte sie plötzlich. Se schaute mich mit großer Verwunderung an. Ihr Blick blieb an meinen Füßen hängen. Ich gehe fast immer barfuss, so auch im Haus. Hanna hatte es die Sprache verschlagen, sie schaute auf die etwas groß ausgefallenen Füße (Größe 47) vor ihr. Hanna, durch nichts zu entmutigen, beschloss sofort sich anzupassen an das, was aus ihrer Sicht praktisch ist, und begann, ihre Socken auszuziehen. „Ich ziehe mal eben die Socken aus und Du auch“ sagte sie resolut zu ihrer Freundin. Die Socken werden im Flur in die Stiefel gestopft. Genau in diesem Moment kommt Marcus herein.

 

Marcus wird durch die Beiden freundlich begrüßt, derweil sein Blick deutlich Besorgtheit ausstrahlte.

„Was habe ich euch gesagt? Ihr dürft nicht die Straße runter fahren!“

Hanna beschloss wohlweislich die Frage völlig zu ignorieren und begann, weit ausschweifend zu erklären was sie getan hat, seitdem sie von zu Hause weggefahren ist. Ich fragte Marcus,  was er trinken möchte, um sich von dem Schreck zu erholen. Marcus sagte, dass dies nun nicht das vernünftigste wäre und forderte die Mädchen auf, alle ausgezogenen Sache wieder anzuziehen und blitzschnell auf die Fahrräder zu steigen und hinzumachen, dass sie wieder auf die ‚gute Seite’ der Straßenschwelle  kommen.

„Ich sollte wohl nicht fragen, ob sie noch etwas zum Naschen haben dürfen, oder?“, fragte ich vorsichtig.

„Das sieht wohl nicht so aus!“ sagte Marcus, „dann stehen sie morgen wieder vor Deiner Tür“.

 

Die Damen waren inzwischen wieder reisefertig, und nachdem sich jeder überschwänglich verabschiedet hat, verschwinden sie in Richtung Fahrräder. Noch bevor Marcus aufsteigen konnte waren sie schon wieder verschwunden. Freundlich winkend, als sie um die Ecke bogen.

„Nun muss ich sie noch einholen“ sagte Marcus, „sonst entwischen sie mir wieder!“ Lachend sprang er auf sein Fahrrad und nahm die Verfolgung auf.

 

 

Auf zu neuen Abenteuern!

Unter Garantie werden noch viele folgen!

 

 

 

 

 

 

 

Übersetzung ins Deutsche © Martin Hauschke, im Juli 2013

Im Original ‚Kinder Logica’ © Rob Barlage