Ich will mal mit Dir über eine Fliege reden.

27-03-2012 19:15

 

 

Ich sitze unten im Wohnzimmer. Mein treuer vierfüßiger Freund an meiner Seite, so wie immer, in tiefer Ruhe. Ab und zu ein schnarchendes Geräusch und so eine Art Brummen, das normalerweise so nur durch glückliche Katzen hervorgebracht wird und wir Katzengespinn  nennen.

Beim Betrachten, Hören und Lesen von dem ganzen Elend in der Welt kam da eine Fliege vorbei. Nun werde Sie wahrscheinlich sagen: Ja, na und?

Diese Fliege verstand es, die ganzen Weltnachrichten  für ein paar Minuten in den Hintergrund zu drängen. Wenn so ein kleines, unscheinbares Tierchen, ein Insekt sozusagen, dazu in der Lage ist, ist das doch ein Wunder an sich! Komm, ich will Dich nicht länger auf die Folter spannen, Du bist inzwischen sicher auch schon ein wenig am drüber nachdenken!

Mein „Pinsel“ wird fast verrückt von dem Wort „Fliege“.

Aus Erfahrung weiß er, dass, wenn meine Frau dieses Wort benutzt, der sonst so ruhige und behäbige Haushalt zum Leben erweckt, quasi Leben in die Bude kommt.

Sobald er meine Frau sagen hört „da ist wieder so ne sch..ß Fliege im Haus“, läuft bei ihm augenblicklich so eine Art Metamorphose ab. Tief aus dem Innersten dieses lieben, ruhigen schlafenden Tieres kommt dann ein furchterregendes Knurren heraus. Er verwandelt sich  spontan in ein gefährliches Monster, das, für welche vorbeikommende Fliege auch immer, eine große Bedrohung darstellt.

Nicht das er sie fängt, nee.

Nein, das, aus seiner Sicht verächtliche, Handwerk überlässt er meiner Frau. Sobald meine Frau die fliegende Bedrohung im Wohnzimmer wahrnimmt, geht die Post ab. Sie springt auf und geht zur Küche. Aus unerfindlichen Gründen hängt dort die einsatzbereite Mordwaffe. Die Mordwaffe ist so ne Art Tennisschläger, aber nicht mit Nylon-Saiten  bespannt sondern mit vielen dünnen Stahldrähten, wie sie auch im Eierschneider verwendet werden.

Mein Hund, unser Sjipke, weiß aus Erfahrung, dass jetzt so ein klein wenig die Hölle ausbrechen kann. Er hat sich inzwischen vom Sofa erhoben, hat sich gereckt und gestreckt, so dass die steif gewordenen Muskeln wieder fit sind. Nun stößt er so eine Art Urschrei aus, ein  “oeoeoeoeoehhhhaaaaaaa” und folgt meiner Frau in Richtung Küche.

Er inspiziert dort die ultramoderne Fliegenklatsche und ermutigt meine Frau überschwänglich nun doch endlich mit der Verfolgung der Fliege zu beginnen.

Nacheinander kommen sie dann wieder zurück ins Wohnzimmer. Meine Frau voraus mit meinem Hund im Schlepptau. Ich sitze still auf dem Sofa und versuche immer noch, im TV die Nachrichten zu verfolgen.

Der eine oder andere Juwelier wird anscheinend durch die Justiz verfolgt, weil sie sich weigern, weiterhin Ausländer in ihr Geschäft zu lassen. Nach drei oder mehr Überfällen hat der Mann die Nase voll davon, er erzählt seine Geschichte aus dem Rollstuhl. Derweil der Journalist ihm Fragen stellt, sehe ich, wie der Mann plötzlich eine schlagende Bewegung macht, er schlägt offensichtlich eine Fliege weg. Ich rufe zu meiner Frau, dass sie aufpassen muss mit dem Jagen anderer Arten, denn bevor sie sich versieht, sitzt sie auch in einem Rollstuhl.

Von meiner Sorge völlig unbeeindruckt und unerschrocken, setzt sie die Jagt auf das gefährliche Insekt fort. Sie rennt kreuz und quer durch das Wohnzimmer, während des Laufens noch schnell die Türen zum Flur und zur Küche schließen, denn es könnte ja entkommen. Sie will nicht, dass so ein gefährlicher Krimineller durchs Haus herumgeistert. So rennt sie, mit einer knallgelben Fliegenklatsche fuchtelnd, durchs Wohnzimmer. Angestachelt durch mittlerweile ohrenbetäubendes lautes Bellen und auf dem Fuß gefolgt durch unseren „Pinsel“!

Das heftige Gebell irritiert sie scheinbar maßlos und, während des Spiels „Fitness für Mensch und Tier“, versucht sie, drohend mit Gewalt, den Hund zur Stille zu ermahnen. Da dies schon seit vielen Jahren absolut keinen Eindruck mehr auf meinen Hund macht, aus Erfahrung weiß er, dass es doch meist nur bei Drohungen bleibt, fasst er es mehr als eine Aufforderung auf, den eingeschlagenen Weg fortzusetzen und bei der Lautstärke des Gebells noch einen Zahn zuzulegen.

Das Herumschlagen mit der Fliegenklatsche erhöht dann auch noch die Festfreude. Nicht so sehr der Augenblick, in dem die Fliege getroffen wird, sondern die Jagd an sich verschafft beiden, offensichtlich, das größte Vergnügen. Bei der Schnelligkeit, mit der beide jetzt durchs Wohnzimmer rennen, drängt sich der Vergleich  zu einem Besuch eines Tennismatches auf. Ich habe Mühe, mit meinen Kopfbewegungen von links nach rechts dem Tempo zu folgen.

Dann, nach vielen missglückten Versuchen, weiß meine eigene Steffi Graf (für die jüngeren unter uns: einst eine wirklich begabte Tennisspielerin aus dem letzten Jahrhundert) mit einem treffenden Schlag die Fliege aus der Luft zu hauen.

Durch eine unnachahmliche Technik bekommt der Schlag soviel Effet mit dem die Fliege direkt vor meinen furchterregend knurrenden Hund landet. Benommen durch den Stromschlag aus dem „Tennisschläger“ bleibt die Fliege auf dem Rücken liegen. Mein Hund sieht nun seine Chance gekommen und schnappt sich die gefährliche Beute. Ein Happ und weg ist die Fliege.

Mein Hund schaut triumphierend um sich rum, stellt fest, dass die Jagd vorbei ist und legt sich wieder gemütlich nieder auf den Platz neben mir, dahin wo er lag, bevor meine Frau mit ihren körperlichen Übungen begann. Ich sah zu und lächelte. Das hätte ich besser nicht tun sollen. Aber hinterher weiß man alles besser.

Der aufgestaute Adrenalinschub richtet sich nun an mich: „Lachst Du mich jetzt etwa aus?“ klingt es gefährlich.  Und dann noch mal:“ Du sitzt da doch nicht und lachst mich aus, will ich hoffen?“ Ich unternehme inzwischen heftige Versuche, mein Gesicht wieder zu Richten und das Grinsen verschwinden zu lassen. Aus Erfahrung weiß ich, dass es hier um eine Frage geht, die keiner Antwort bedarf. In der Tat ist in diesem Moment jede Antwort verkehrt und darum halte ich klugerweise den Mund.

„Nun, gib mir eine Antwort“. Ich verharrte in Schweigen. Nenn es man feige, ich finde es klug.

„Du sitzt da auf deinem Hintern und lässt mich wie eine Bekloppte ein bisschen hinter einer Schmeißfliege her rennen  und dein Hund fliegt auch nur so durchs Zimmer (Anmerkung: Meine Frau sagt so was nur in ihrer Wut. Sie ist verrückt mit dem Hund. Nur wird ihre Stimmung oft davon beeinflusst, wie der Hund in dem Moment so ist) und Du, Du tust nichts. Nee, der feine Herr sitzt da ein wenig doof grinsend anstatt mir mal eben zu helfen, dieses Biest zu fangen. !!“

Das ist der Moment, in dem ich denke, das ich mich wehren muss: „Ich habe keine Probleme mit dem Viech, es ist von allein reingekommen und wird sich auch von allein wieder verziehen“.

Falsch. Was ich auch gesagt hätte, es ist falsch. Ihre aufgestaute Wut richtet sich nun in vollem Umfang gegen mich.

„ Du, Du ………, ach hau doch ab, Kerl!“

Ich fing an zu lachen. Sie schaute mich wütend an, ich sah in ihrem Gesicht, dass das meiste Adrenalin schon wieder verschwunden war, auch bei ihr kommt der Realitätssinn wieder durch. Es erschien ein vorsichtiges Lächeln um ihren Mund. Das Leid ist vorbei. Sie dreht sich um und geht in Richtung Küche, um die Mordwaffe wieder zurück zu hängen, bereit für den nächsten Anschlag.

Während sie dahin geht, dreht sie sich um:“ Willst Du auch einen Kaffee, ich gehe doch in die Küche? Dann brauchst Du nicht aufzustehen!!“ fügt sie mit einem Hach Sarkasmus noch eben scharfsinnig hinzu!

Kurzum, in unserer Hütte ist wieder Ruhe eingekehrt!

Und die Fliege? Möge sie in Frieden ruhen!!!