Eine Weihnachtsgeschichte!

27-03-2012 19:10

 

Gestern Abend viel der Strom aus!

„Was ist das denn jetzt?“ rief ich. „He verdammt! So was passiert immer im falschen Moment!“ Wir wohnen in Deutschland und hatten Gäste aus den Niederlanden zu Besuch. Via Satellit guckten wir gerade die niederländischen Nachrichten. Tja, und dafür ist nun mal Strom notwendig. Ein seltsames Gefühl in der heutigen Zeit. So kurz vor Weihnachten, in der das Licht einen noch bedeutungsvolleren Platz einnimmt wie es zu normalen Zeiten schon der Fall ist.

„Wir sind aber auch so was von verwöhnt in diesem Teil der Welt, man braucht nur mal eben an einem Knopf drehen und es wird Licht!“ sagte mein Freund aus seinem Stuhl heraus in einem stockdunklen Wohnzimmer. Inzwischen waren meine Frau und die Frau meines Freundes in der Küche auf der Suche nach einem Feuerzeug, zwischendurch rief sie von der Küche ins Wohnzimmer: „Rob, der Strom ist ausgefallen, such mal ein paar Kerzen!“ Ich war kurz perplex. „Ist bei Dir der Strom ausgefallen?“ fragte ich etwas sarkastisch.

Ohne, wie ich annehme, zu schauen oder rot zu werden, rief sie zurück, „Mach mal eben das Licht bei dir an und helfe uns mal!“ So langsam dämmerte es mir, dass sie es ernst meinte. „Els, wenn der Strom ausgefallen ist, dann haben wir hier doch auch kein Licht, oder denkst du, dass wir hier zum Spaß im Dunkeln sitzen?“

In so einem Moment fängt die Frauenlogik unerbittlich an zu arbeiten. Es ist so eine Art Mechanismus der sich zweifelsohne so anfühlt, als ob man einen anderen Kurs einschlagen müsste.. „Du nun wieder, steh auf und stelle ein paar Kerzen auf, mach dich nützlich anstatt mich zu veräppeln!“

Ich wollte es noch etwas fortsetzen, ich hatte das Gefühl, das ich gewinnen könnte. Also versuchte ich meinen Freund in das Gespräch einzubeziehen, zusammen könnten wir verbal  gegen Els an, dachte ich!! „Hans findet auch, dass es eine dummer Frage war, so bin ich nicht der einzige“ rief ich in der Dunkelheit in Richtung Küche. „Hans hat überhaupt nichts zu finden!“  Das war nicht die Stimme meiner Els, das war die Stimme von Joke, der Frau von Hans. „Ich entscheide, ob er irgendwie irgendwas findet oder nicht“ gefolgt von viel Gekicher  aus der Küche.

Hans hatte inzwischen ein Feuerzeug gefunden, die erste Kerze war angezündet.  Und ein schwaches Licht erhellte den Raum. Hans nahm die Kerze und ging in Richtung Küche. Indem er die Kerze mitnahm, entstand durch das bewegte Licht ein seltsam fremd anmutendes Schattenspiel an den Wänden.  Die Schatten wurden lebendig und erfüllten den ganzen Raum. Der Schein der Kerze wurde schwächer, je mehr sich Hans der Küche näherte. In der Küche war er dann mehr als willkommen, die Damen freuten sich über sein erscheinen. „He, he, das wird Zeit! Es ist, als ob du von der anderen Seite des Dorfes kommen musstest. Nun mach hin, zünde die zwei Kerzen an.“

Folgsam, aus Erfahrung klug geworden, zündet Hans die beiden Kerzen an und die ganze Küche wird in ein fremdartiges, flackerndes Licht gehüllt.  Auch hier gab es wieder  den seltsam wunderlichen Einfluss der Kerzenflammen auf das Schattenspiel in der Küche.

Hans kam zurück in das Zimmer und begann dann, die Kerzen in den verschiedenen weihnachtlichen Dekorationen im Wohnzimmer zu entzünden. Als dann eine nach der anderen Kerze erflammte, erstrahlte das Wohnzimmer durch den weichen Kerzenschein in einem warmen Glanz. Plötzlich klopfte es an der Haustür. Meine Frau stand am nächsten an der Tür zum Hausflur und damit nah an der Haustür.  „Els, siehst du mal nach, wer da ist?“

„Ich denke nicht!“ klingt es entschlossen aus ihrem Mund. „Es ist fürchterlich dunkel draußen, geh du mal eben kucken!“  Ich war etwas irritiert, ging ‚nörgelnd’ zu Haustür und sah, als ich in den Hausflur kam, den Schimmer einer Kerze durch das Glas der Vordertür.

Ich öffnete die Tür und vor mir stand der Nachbar mit seinen beiden Töchtern, etwa neun Jahre alt. Beide trugen eine Jacke über ihren Schlafanzügen.  Sie kuckten Fernsehen als der Strom ausfiel, die Mädchen waren schon fertig für die Nacht.  Der Nachbar sagte, dass er  eben bei uns kucken wolle, ob wir auch keinen Strom haben. Die beiden jungen Damen hatten einstimmig beschlossen, dass sie nicht allein im dunklen Haus auf den Vater warten wollten, sie hatten sich ihre Jacken und Pantoffeln angezogen und waren dem Vater in seinen Fußstapfen gefolgt. Es war ein sehr starker Wind und ich hatte Mühe, die Haustür fest zu halten.

„Kommt schnell rein, dann halten wir die Kälte draußen“, sagte ich und ging ein wenig zur Seite um Platz  zu machen. In den Moment, als sie drinnen waren und ich die Tür schließen wollte, hörte ich meinen Namen rufen. Ein  schneller Blick nach draußen und ich sah den Nachbarn von gegenüber zusammen mit seinen Nachbarn dort stehen. „Auch keinen Strom?“ rief er aus der Ferne. „Nein, die ganze Siedlung ist sozusagen dunkel!“

„Habt ihr genug Kerzen?“ fragt der Nachbar von gegenüber.

„Nun, was ist genug!“, antwortete ich.

„Aber wenn Du um Licht verlegen bist, bei uns brennt in jedem Fall eine Kerze. Deswegen, kommt hier zu uns dazu, das spart Kerzen und ist auch noch gut für die Umwelt!“, scherzte ich hintenan. Das war nicht gegen taube Ohren gesagt. In kürzester Zeit kamen noch drei Familien mit insgesamt sieben Kindern dazu. Plötzlich war das Haus voll. Els und Joke nahmen jeden in Empfang und alle machten es sich im Wohnzimmer, das jetzt mit reichlich brennenden Kerzen ausgestattet war,  gemütlich. Die Eltern auf Stühlen und Bänken, die Kinder auf Kissen auf dem Boden unter dem Weihnachtsbaum. In der Diele hatte Els ein paar Decken zusammengesucht und an die Kinder verteilt, die sich behaglich darin einrollten.

Es war ein fröhliches Geschnatter im Raum und unser Hund hatte sich einen Platz zwischen den Nachbarkindern erobert. „Wenn ich nun unseren Gaskocher nehme und wir machen ein paar Flaschen Glühwein dabei auf, meint ihr nicht, dass das ein guter Plan ist?“. Ein zustimmendes Gemurmel erhob sich aus den dunklen Ecken des Raumes. „Und für die Kleinen etwas warme Schokolademilch?“, rief Els hinterher! Auch das wurde mit lautem Beifall bedacht.

Plötzlich kamen die Frauen in Bewegung und tauchten in der Küche auf. Els öffnete das Brotfach, da lagen zwei ‚holländische Weihnachsstollen mit Füllung’, selbstverständlich! Ohne Rücksicht darauf, wer neben ihr stand, legte sie die Stollen auf die Anrichte und schubste mit dem Ellenbogen die Nachbarin an und sagte „schneiden, dicke Scheiben und mit Butter bestreichen“. Inzwischen hatte ich den Camping-Gaskocher auf den elektrischen Herd gestellt. Die beiden Brenner angezündet und auf dem Einen einen Topf mit ‚echter’ Schokoladenmilch gestellt.  „Das merkt man, dass die aus Holland kommt! Die schmeckt viel besser als bei uns!“ So eines der Mädchen aus der Nachbarschaft. Bei ihr schmeckt alles, was aus Holland kommt, immer viel besser (das die Schokomilch normal vom LIDL kommt erzählen wir ihr dann später einmal!).

Der Glühwein steht leicht köchelnd auf der anderen Flamme. Eine der Nachbarfrauen hat sich darauf gestürzt und ist damit beschäftigt  mit Zimt, Apfelsinen und Zucker zu verfeinern.  Dann fragt sie, ob ich auch ‚Kirschwasser’ im Haus habe. Das schmeckt immer so gut dadurch. Nun, als echter Einwanderer habe ich sehr wohl ein Fläschen Kirschwasser bereitstehen. Vom Inhalt der Flasche wird nun reichlich zugegeben. Auf einmal steht der jüngste Nachbarjunge in der Küche.

„Ich muss pinkeln!“, sagt er etwas schüchtern.  „Nun, geradeaus, du weißt doch, wo du hinmusst“, sagt seine Mutter. Der Junge bleibt etwas ratlos stehen. „Hör mal, beeil dich. Nachher geht es noch in die Hose!“ Wieder kuckt das Kind die Mutter mitgroßen Augen an. „Was ist nun“, fragt sie.  „Ich traue mich nicht im dunklen zur Toilette“, stammelt er vor sich hin.

Ich fing an zu lachen. Hole aus dem Hauswirtschaftraum ein Windlicht, in dem die Kerze noch nicht brennt und zünde es an. Ich gebe das Windlicht mit der leuchtenden Kerze dem Jungen in die Hand. Er nimmt es. Ich sehe ihn mir an, er sieht zum auffressen aus!

In einer halb abgesackten Pyjamahose, einer um sich herumgeschlagenen karierten Weihnachtsdecke, wovon er die Zipfel mit einer Hand fest um seinen Nacken zusammenhält. Wobei, wie es scheint, er so fest hält, dass es ihm fast die eigene Kehle zudrückt. In seiner anderen Hand trägt er tapfer die große Laterne mit der brennenden Kerze. Jeder, der den Film ET gesehen hat, kann sich bestimmt das Bild mit den Halbschatten in der Küche vorstellen. Beim Angesicht des Jungen fängt ein jeder in der Küche a zu lachen. „Nun mal los“, sagt seine Mutter aufmunternd, „jetzt hast du Licht, schnell zur Toilette“.

Der Weihnachtsstollen ist geschmiert und liegt in dicken Scheiben, mit viel Butter bestrichen und mit extra Puderzucker bestreut, um ein festliches Aussehen zu geben, auf einen großen Schale. Der Glühwein ist auf Temperatur und bereit, eingegossen zu werden. Der Duft von der heißen Schokoladenmilch vermischt sich mit dem Duft des Glühweins und den der brennenden Kerzen und verbreitet sich im ganzen Wohnzimmer.

In einem großen Kreis sitzen die Kinder und die Älteren um den Weihnachtsbaum, um zu genießen, einen …………. Abend  mit Stromausfall!“

Eine der Mütter stimmt ein Weihnachtslied an, die neun Kinder stimmen mühelos in Melodie und Text ein, die Älteren sitzen ruhig da und summen mit. Das Singen geht vom langsamen und leisen Mitsummen über zum richtigen Mitsingen. Es nimmt die Form  eines gemischten Chores an, wobei letztlich jeder aus voller Brust die Texte mitsingt. Alle sitzen, sichtbar einander genießend und das Singen von Weihnachtsliedern.

Wie altmodisch! Es scheint, als ob die Uhr 50 Jahre zurück gedreht wurde. Es ruft  Erinnerungen an längst vergangene Zeiten hervor. Warum muss erst ein Stromausfall passieren um so mit jedem zusammen zu kommen zum …….. tja, wozu eigentlich?

Ich fühlte mich berührt, ich genoss die Menschen, die zusammen und miteinander die Gemeinschaft genossen durch den verdammten Stromausfall.

Nach etwa einer halben Stunde wird die bezaubernde Ruhe durchbrochen.

Die Lichter springen an, der Fernseher klingt schrill durchs Wohnzimmer. Der Gefrierschrank im Hauswirtschaftsraum schrilles Piepen von sich zum Zeichen, dass auch er es wieder tut.

Der magische Moment war vorbei. Im Raum verstummte das Singen und ein jeder schaute etwas erstaunt um sich herum. Es war, als ob mit dem einschalten des Lichts  die Menschen sich gegenseitig wieder mit anderen Augen anschauten. Die Schokolade und die letzten Glühweinreste werden noch hineingewürgt. Die Älteren standen auf, bedankten sich und verabschiedeten sich, die Kleinen folgten und ein jeder ging wieder nach Hause.

Plötzlich war das Wohnzimmer leer. Das Licht der Kerzen vermischte sich mit dem elektrischen und hatte seinen Zauber verloren. Mit dem Strom war auch die alltägliche Realität wieder zurück gekehrt.

Mein Freund sagte lachend: „Ich kann mich nicht erinnern, dass wir jemals so eine schöne und einfache Weihnachten erlebt haben. Es ist doch eigentlich verrückt, dass wir dafür einen Stromausfall nötig haben!“

Und genau so ist es!

Ich wünsche Ihnen alle einen stromloses, ein glückliches Weihnachtsfest!!

Original © Robert Barlage, Übersetzung ins Deutsche © Martin Hauschke