Ein Tagesausflug nach Emmen mit einem deutschen Autokennzeichen

12-04-2012 23:20

 

Das Verhalten von Menschen ist oft nicht zu ergründen.

Als Reaktion auf eine meiner Geschichten über unsere Erfahrungen in Deutschland wurde ich in einem Kommentar darauf hingewiesen, dass das Verhalten von (einigen) Niederländern gegenüber vermeintlichen Deutschen auf niederländischen Straßen noch oft, um es mal vorsichtig zu sagen, zweifelhaft ist. Er schrieb:

„Aber sobald niederländische Freunde von mir sich mit deutschem Kennzeichen auf niederländischen Straßen bewegen, erscheinen die Bärte als Hitler Schnurrbart, wird der Hitlergruß gebracht, wird das Auto geschnitten oder Zerstörungen angerichtet. Und nein, nicht durch die Niederländer, die den Krieg mitgemacht haben.“

Das kamen bei mir sofort Erinnerungen hoch an unsere „eigenen Erfahrungen“ mit dem fahren eines „deutschen Autos“.

 

Es war eines der ersten Male, an dem meine Frau und ich nach Emmen fuhren. Nur zum Verständnis, das ist eine Kleinstadt mit dem Auftreten einer Großstadt aber immer noch mit der Behaglichkeit eines kleinen Dorfes auf dem Lande, da erlebten wir das gleiche Phänomen, das er so schön beschreibt. Das folgende ist uns geschehen:

 

Ausflug nach Holland

Wir fuhren an einem normalen Wochentag zum ersten Mal nach Emmen, auf der Suche nach einem Intratuin-Gartencenter. Nun bin ich geboren und aufgewachsen in Amsterdam mit mehr Wegekenntnis in Paramaribo  [Hauptstadt der Republik Suriname], Boston und London, um nur mal ein paar Querstraßen zu nennen, als dass ich die Geografie von Emmen kenne sollte. Trotz des erfreulichen Besitzes eines Tom/Tom-Navigators hat meine Frau  die starke Neigung, es besser zu wissen als die liebreizende Damenstimme, die einem den Weg weist.  Es ist ein nahezu andauernder Kampf zwischen den Beiden, wobei ich zugeben muss, dass ich mehr Vertrauen in das habe, was der Apparat produziert als in das, was in so einem Moment aus meiner eigenen Frau herauskommt. Nicht dass ich das laut zugeben würde, ich bin doch nicht total verrückt.

Gut, sie verstehen, dass der Streit zwischen Helga (nein, das ist nicht meine Frau, meine Frau heißt Els) und Els vollends ausbrach, als wir nach Emmen reinfuhren. Nachdem meine Frau bemerkte, dass ich doch den Anweisungen der Blechstimme aus dem Apparat folgte, wurden mir einige tödliche Blicke zuteil. Aber die Lage entspannt sich wieder, die Frau im Tom/Tom hatte die erste Runde gewonnen. Wohlgemerkt, „die erste Runde“, meine Frau fühlte sich noch keineswegs geschlagen durch dieses Gerät und sann auf Rache. „Die erste Straße links, bitte“.

 

Tom Tom

Wir haben eine belgische Dame in dem Kästchen sitzen, die ist immer so nett und höflich.  Der belgische Dialekt ist mit einer gewissen Sinnlichkeit umgeben. Sie schnauben nicht, Fragen und sagen auch noch bitte, doch ein ganz anderer Ton, als ihn meine liebe Els ab und zu anschlägt. Ich fahre auf der mittleren Spur einer dreispurigen Straße, eine für Rechtsabbieger, eine für gerade aus (da war ich noch drauf) und eine für Linksabbieger. In dem Moment, wo ich nach links rüber wollte um mich einzuordnen, hat meine Els beschlossen, die nächste Runde im Kampf gegen die Technik zu starten. Sie schaute mich wirklich bedrohlich an und sagte mit einem bösen Blick: „He, das stimmt doch nicht, Du musst hier noch geradeaus, einfach die Nächste nehmen!“ Ich sehe erstaunt zu ihr rüber und sage:“ Bist Du hier denn schon mal gewesen? Woher willst Du das denn wissen? Wenn sie (zeigend auf den allmächtigen Tom/Tom) nun sagt, dass man hier links ab muss, dann stimmt das wirklich“. Als ob sie es gehört hätte, beginnt die Tom/Tom-Frau augenblicklich in einem etwas dringendem Ton zu sagen, dass wir hier doch wirklich links ab müssen.

Unter Lebensgefahr beschließe ich, meine Frau zu ignorieren und den Blinker nach links zu setzen. Darauf hin sieht Els mich an, es schießt inzwischen Feuer aus ihren Augen als sie wieder zum Tom/Tom sieht und danach ihren vernichtenden Blick wieder auf mich richtet. „Du machst einfach das, was sie in dem Ding da sagt“. Ich pariere mit den Worten: „Das ‚Ding’ hat mehr als 200€ gekostet, und da vertraue ich drauf“. „Und ich bin zu billig um drauf vertrauen zu können?“ Dies ist der Moment, in dem ich meine Zuflucht im Verkehr suche und rufe: „Liebes, ich muss nun echt aufpassen im Straßenverkehr, wir sprechen nachher noch mal drüber“.

PFFFF, gerettet durch die Glocke, ist das erste Gefühl, was in mir aufkommt. Inzwischen näherten wir uns dem Punkt, wo die Belgische sagte, wir müssen dort links abbiegen, mein Blinker war noch aus, ich schaue in meinen Seitenspiegel und sehe in der Ferne ein Auto ankommen. Der Abstand ist aber noch soweit, dass ich noch reichlich Gelegenheit habe mich einzuordnen ohne dass das ankommende Auto dadurch behindert wird. Ich lasse meinen Wagen langsam auf die linke Fahrspur rollen und gebe ein bisschen Gas um für das Auto hinter uns Platz zu machen. Dieses kommt, viel schneller fahrend als am Anfang, auf uns zugestürmt.

Inzwischen gibt er mit der Lichthupe unentwegt Signale. Je näher er uns kommt, desto schneller gehen seine Lampen an und aus, ich höre nun auch, dass er wie ein Bekloppter auf seine Hupe drückt. Ich sehe schnell um mich herum, davon überzeugt, dass ich irgendetwas übersehen habe. Nichts von alldem, so schaute ich zu Els. Die wollte nichts mehr mit mir zu tun haben, die Niederlage in der zweiten Runde ist noch nicht verarbeitet. „Was will der Bekloppte von Dir?“ ist ihre Antwort. Ich hatte nicht den Eindruck, dass eine Antwort von mir erwartet wurde und zog die Schultern ein wenig hoch. „Ich habe keine Ahnung, aber wir können ihn ja wohl eben fragen?“  „Da solltest Du noch mal drüber nachdenken, Du geht’s nicht und fängst Streit an, verstehst Du!“

 

Auf Nummer sicher

Nicht, dass ich das wollte, aber meine Frau geht da lieber auf Nummer sicher. Die eine Fahrspur für Linksabbieger teilt sich plötzlich in zwei Spuren auf, das nachfolgende Auto ist inzwischen so dicht hinter mir, dass ich Angst habe, dass er jetzt versucht, mich von hinten zu nehmen. Da bin ich nun aber echt kein Anhänger davon und mir entweicht ein Seufzer der Erleichterung, als ich in meinem Spiegel sehe, dass er unter Begleitung seiner eigenen Hupe plötzlich einen Ruck nach links macht und in meinem linken Außenspiegel erscheint.

Jetzt sehe ich, dass da noch ein anderes Auto hinter ihm war das versuchte, ihn einzuholen. Dieses musste eine Vollbremsung hinlegen, damit er nicht auf meinen nicht  ganz so  freundlichen Verkehrsteilnehmer auffährt. Langsam nähere ich mich der Ampel, die für Linksabbieger auf Rot steht. Ich stoppte an der Linie. Worauf meine Frau ruft „Fahr nun man weiter, bevor es noch Schererei gibt!“ Nun bin ich dran, sie schräg anzukucken. „Bist Du noch ganz bei Trost, das Licht steht auf Rot und Du sagst, ich soll durchfahren, sprich mal eben kurz mit dem Tom/Tom, mir scheint, Du hast was von ihm angenommen!“  Vernunft natürlich nicht,  um es mal so zu sagen. Ab diesem Moment weißt du, dass der Kampf an zwei Fronten ausgetragen wird, der feindselige Autofahrer und eine eingeschnappte Frau neben dir. Nun ja, dir ist klar, dass du, früher oder später, die Rechnung dafür bezahlst. Im Falle meiner Frau weiß ich, dass es eher früher als später sein wird.

Ich schaue neben mich, da kommt mittlerweile ein leicht überreizter Autofahrer, der aufgrund seines Alters noch in der Probezeit als Fahranfänger ist, zum stehen. Ich sehe, dass das Fenster auf der Beifahrerseite nach unten geht. Er sieht mich mit einem ziemlich rot angelaufenen Gesicht an, was verrät, dass sein Blutdruck offenbar gestiegen ist, und macht mit seiner rechten Hand eine kreisende Bewegung. Meine Frau, die die Geste auch sieht und erkennt,  sagt sofort: „Denk nicht mal dran, du lässt das Fenster dicht, hörst du. Du weißt nie, was so ein Verrückter tut“. Natürlich höre ich, was sie sagt, das kann auch nicht anders, da wird aus nicht mal 75cm Abstand in mein Ohr trompetet,  das kann mir nicht entgehen. „Ach“, sage ich, „so schlimm wird es wohl nicht werden, bestimmt“ und drücke den Knopf um das Fenster runter zu lassen.

Langsam gleitet das Fenster runter, der Verkehrslärm wird deutlich hörbar und erst jetzt sehe ich, dass der Mann Schaum vor dem Mund hat.  Während er beim Schreien die nötige Menge Feuchtigkeit verteilt, spricht er mich in einer Art Deutsch mit, wie ich annehme, Emmener Dialekt, an. Er legt seine gesamten Deutschkenntnisse auf einmal auf den Tisch. Diese bestanden aus dem nacheinander ausgeschrieenen zusammenhanglosen Text:

“Arschloch, Scheiße und Dreckskerl” gefolgt von “Verdammt nogmal, halts Maul und Scheiße, komm mal raus du Huren!“

Mein junger Freund hat eine deutliche Vorliebe für das Wort Scheiße, das weitere, denke ich, bedarf keiner Erklärung. Während einer Verschnaufpause von dem aufgedrehten Knilch sah ich meine Chance.  In einem relativ ruhigem Ton, in einem unverfälschtem Platt mit Amsterdamer Akzent, rief ich ihm folgendes zu: „ Hey, Arschloch! Es gibt wirklich keinen Deutschen, der dein beschissenes Deutsch versteht, du solltest doch etwas an deiner Aussprache arbeiten, Junge!“

 

Das stiftete bei meinem jungen Freund derart viel Verwirrung, dass er augenblicklich stumm wurde. Er musste offensichtlich erst einmal verarbeiten, dass die Sprache, die aus dem Auto mit dem deutschen Kennzeichen kam, Niederländisch war. Nun ja, Niederländisch? Aber dann mit einem tiefen Amsterdamer Unterton. Er war kurz bedient, schnappte nach Luft und musste den Schock erst einmal verarbeiten. Für mich war die Sache erledigt und ich wollte das Fenster gerade wieder schließen. In diesem Augenblick sprang auch die Ampel auf grün, und es war Zeit, die Reise fortzusetzen. Gerade in diesem Moment hatte der noch immer aufgeregte Fahrer des Wagens neben mir scheinbar seinen Atem wieder gefunden. Er schrie mir, sozusagen zum Abschied, wie ich annehme, noch einen Fluch zu, aber diesmal in Niederländisch/Emmens. Ich stoppte das Fensterschließen und bemerkte laut, dass ich feststellen muss, dass offensichtlich sein Holländisch nicht viel besser ist als  sein Deutsch, das er verwendet hat.

Das war ungefähr das Maximum, was er vertragen konnte, sein Kopf lief noch roter an als er eh schon war. Er zog ganz tief das innere seine Nase durch den Rachen und spitzte seine Lippen, offensichtlich in der Absicht, den Inhalt seines Mundes in meine Richtung zu spucken. Ach, was ein Mensch alles nicht bedenkt, wenn der Blutdruck steigt. Ich versuchte mein Fenster schnell wieder zu schließen, damit der Schleim sein Ziel verfehlt.  Hierzu kam Hilfe aus einer völlig unerwarteten Ecke. In dem Moment, in dem der Schleim seinen Mund verließ und sich in meine Richtung bewegte, kam ein Windstoß vorbei. Dieser blies den ekeligen Schleim gleichsam wieder in sein Auto rein und dieser landete auf dem Beifahrersitz. Ich hatte daher genügend Zeit, das Fenster zu schließen und diesen Unheilsort zu verlassen. Ein etwas triumphierendes Lachen konnte ich dabei nicht unterdrücken.  Neben mir raste der junge Bursche mit Vollgas knapp an mir vorbei, als er neben mir war, streckte er den bekannten Mittelfinger hoch, flog beinnahe aus der Kurve und verschwand mit hoher Geschwindigkeit aus meinem Blickfeld.

Ruhe war wieder eingekekrt und wir setzten unseren Weg zu Intratuin fort. Nach ein paar hundert Meter Fahrt in der Straße taucht da plötzlich der Bau von Intratuin auf. Ich sah zu meiner Frau und sie kuckte zu mir. „Musste das nun, so schlecht zu dem Jungen zu sein. Wenn du sauer auf mich bist, muss immer ein anderer darunter Leiden“.  Nun hat es mir die Sprache verschlagen, gegen soviel Frauenlogik ist kein Widerwort möglich, und dann ist es das Klügste, still hinzunehmen.

 

An dem geschlossenen Tor der Intratuin-Festung ist ein Schild aufgehangen, auf dem folgender Text zu lesen ist:

„Wegen Umbauarbeiten ist der Eingang zur anderen Seite verlegt worden, bitte zurück fahren zur Kreuzung und dann zweimal links ab, der Beschilderung folgen“

Ein wenig bestürzt nehme ich den Text in mir auf, noch bevor ich auch nur irgendetwas sagen kann, sagt meine Frau: „Siehst Du nun, ich hatte Recht, Du musst einfach mal zuhören wenn ich was sage! Vor der Ampel stand schon ein Schild, auf dem das angegeben war.“

 

Ich war völlig fertig!!!

 

 

Original © by Robert Barlage

Übersetzung ins Deutsche © by Martin Hauschke  (April 2012)