Die vergessenen Lager des Emslandes.

27-03-2012 19:26

 

 

(Original von Robert Barlage, Übersetzung von Martin Hauschke)

Eine Amsel singt ihr schönstes Lied in der Mittagssonne. Am 07. Mai 2011 zeigt das Thermometer 25 Grad, eigentlich absurd warm für diese Jahreszeit.
Die Amsel singt noch lauter, als wollte sie die Stille vertreiben. Wenn ich meine Augen schließe bin ich allein mit der Amsel, die ihr fröhliches Lied in den Wald schickt, über die weiten Felder hört man den Gesang klingen. Dann öffne ich meine Augen und suche nach dem Sänger, oder ist es eine Sängerin? Ich blicke nach oben. In einem der Bäume, eine alte Birke mit einer schweren Krone aus der die Zweige sich tief nach unten beugen, da bemerke ich die Amsel. Es ist, als ob sie mich gleichzeitig sieht. Plötzlich verstummt der Gesang, als ob sie gestört wurde bei ihrem Ausdruck der Freude. Gestört durch ein lauter werdendes Stimmengewirr. Dort, wo es so still war, gehen wieder Menschen, klingen Stimmen, erst ein sachtes Flüstern, dann lauter werdend zu hörbaren und verstehbaren Worten. Da wird gesprochen. Ich versuche, die Worte zu verstehen. Es ist Deutsch und Niederländisch gemischt zu einem Mischmasch, ein bisschen Groninger Dialekt, ein bisschen Dialekt aus der Nachbarschaft. Keine Sprache, die man lernt. Aber wohl eine Sprache, die die Menschen hier verstehen.
Eine Dohle fliegt kreischend weg von dem Parkplatz, der ein Mal im Jahr überfüllt ist. Ich muss nach einem Parkplatz suchen, wo ich mein Auto abstellen kann. Ich parke an dem Feldweg, dort wo ich normalerweise mit meinem Hund spazieren gehe. Dann stehen da keine Autos, dann ist da Platz genug. All die vielen Male die ich hier vorbeiging, allein oder zu zweit. Immer so ein Gefühl von „hier ist mehr als Stille allein“.

 

Hier macht die Stille Lärm.

Einen Lärm, den man nur hört, wenn man dafür empfänglich ist. Hier verhält sich auch mein Hund anders. Hier bleibt er entgegen seiner Gewohnheit dicht bei mir. Sieht oft erschreckt zu mir auf, mit einem Blick so wie siehst du das auch? Hörst du, was ich höre? Es sind unhörbare Klänge aus einer grauen Vergangenheit, die ihn erreichen. Ich gehe ganz in Gedanken zu der Brücke, die den Parkplatz mit dem Zugang zur Gedenkstätte am Küstenkanal bei Esterwegen verbindet. Während ich gehe, verfolgt mich das Kreischen der Dohle. Das gellende Kreischen der Dohlen, ähnlich wie das Schreien der Klänge, die hier erklingen mussten?

Ich gehe den langen Weg vom Eingang der Gedenkstätte und komme an dem Tisch vorbei, an dem Kaffee ausgeschenkt wird. Zwei Männer sorgen dafür, dass genug zu trinken da ist und Kaffeesahne sowie Zucker vorhanden sind. Ein Jeder wartet gelassen, bis er an der Reihe ist, um seinen oder ihren Kaffee zu nehmen.
Unwillkürlich frage ich mich, ob die Menschen, derer wir heute gedenken, auch so ruhig in einer Reihe stehend auf den Kaffee gewartet haben. Für ihre Tagesration Brot, womit sie sich am Leben halten mussten.

Genau auf diesem Platz, wo wir in Freiheit gedenken und uns erinnern können, sind Menschen gegangen und festgesessen in Gefangenschaft.
Sollten sie sich jemals ein Bild davon gemacht haben, von einer Gruppe Menschen, die kommt, um ihnen zu gedenken? Konnten sie das jemals erahnen?
Weiter gehend komme ich an der Frau vorbei, die blutrote Nelken verkauft. Nelken, die man auf die Grabstelle niederlegen kann, als Zeichen von Respekt für die Menschen, die hier umgekommen sind.

Umgekommen in der Schreckensherrschaft von 1933 bis 1945, von der auch das Emsland nicht unberührt geblieben ist. Die Nelken finden reißenden Absatz. Da, wo man das ganze Jahr hindurch eigentlich keine Blumen findet, liegen nun rote Nelken. Einen Tag im Jahr gilt es, Farbe zu bekennen auf einem Fleck, wo normalerweise Grauheit den Oberton angibt.
Eine Grau, das die Zeit symbolisiert, die Jahre, in denen sich hier die aller schrecklichsten Dinge abgespielt haben. Die Farbe der Nelken zeigt an, dass die Epoche der Grauheit vorbei ist. Das wir wieder Farbe in unser Leben lassen dürfen, dass wir die Trostlosigkeit hinter uns lassen dürfen.

Während ich laufe, gehe ich vorbei an der größer werdenden Gruppe von Menschen, die hier gemeinsam den verstorbenen Ehre erweisen wollen und der Tatsache, dass die Freiheit nicht selbstverständlich ist.

Dass Freiheit seinen Preis hat.

Einen Preis, der nicht in Geld ausgedrückt werden kann, aber in verlorenen Leben. Leben, die genommen wurden, ohne Respekt, ohne Gefühl. Aber von einem großem Wert und Bedeutung. Gerade diese Leben, die genommen wurden, geben uns unsere Freiheit. Uns die Möglichkeit, um zu gedenken. Uns die Möglichkeit, um die Freiheit zu bewahren.

Während ich weitergehe, komme ich zu der Stelle, an der alle „15 Emslandlager“ zusammen kommen. Oft beschrieben als die vergessenen Lager, aber doch so wirklich vorhanden.
Ein Ort, um zu gedenken. Ein Ort, wo alle Emslandlager einen Namen tragen und wo für die, die umherstreifen, eine Kerze brennt. In der Hoffnung, dass diejenigen, die hier umherwandern, Ruhe finden.

Langsam ging ich zurück an den Anfang des Friedhofs, dahin wo auch das Denkmal der Freimaurerschaft zu finden ist. Auffällig ist die große Vielfalt der Menschen, die hierher gekommen sind, um zusammen mit der 8. Mai Bewegung hier den Gefallenen zu gedenken.
Genau wie damals in der schrecklichen Zeit, auch nun wieder eine große Anzahl der unterschiedlichsten Menschen. Diesmal nicht gefangen und nicht unterdrückt an diesem Ort. Nein, in Freiheit und nicht weil sie müssen sondern wollen und sie Hoffnung für die Zukunft haben. Ganz junge Menschen, etwas ältere und Menschen in hohem Alter. Selbst ein ehemaliger Gefangener hat sich die Mühe gemacht, hier anwesend zu sein.

Auch alle dazwischen liegenden Generationen sind erkennbar anwesend.
Einige stehen, Andere sitzen und Einzelne liegen ausgestreckt, alle hören sie den Erzählungen der Sprecher zu. Die Sprecher wechseln sich ab mit Gesang und Gitarrenspiel von Liedern, die Erinnerungen wecken an die Zeit der Unfreiheit.

Es ist Zeit, um zu gedenken. Einer der Redner fordert alle auf, aufzustehen. Ältere erheben sich von Ihren Stühlen. Die große Gruppe, die im Gras gesessen hatte, zieht sich hoch. Die jungen Leute, die alle liegend im Gras die Geschichten angehört haben, kommen hoch. Es ist totenstill. Eine Minute lang macht die Stille wieder Lärm.

Ich gehe so wie ich gekommen bin. Allein und in aller Stille, aber mit dem Gefühl, dass es gut ist, Ehre zu erweisen bei der Ereignissen der Geschichte, die sich hier und in Europa abgespielt haben. Eine Geschichte, die sich noch tagtäglich abspielt, nicht mehr in den Grenzen von Europa aber schon dicht an unseren Grenzen. Auch dort gibt es bis zum heutigen Tag keine Freiheit so wie wir sie kennen. Auch da gibt es jeden Grund zum Gedenken und zum Erinnern. Derweil ich wieder zurück gehe, über die Brücke vom Friedhof dorthin wo mein Auto steht, höre ich hinter mir das Lied der Moorsoldaten.

Es wird zum Abschluss des Treffens gesungen. Es erklingt in verschiedenen Sprachen. Sprachen, die nicht jeder versteht, aber alle in der Melodie vereint sind.
Dort, wo einst das Lied als Protest gegen die Unterdrücker gesungen wurde, wird es nun gesungen als eine Hommage zu Ehren der Unterdrückten. Je weiter ich die Gedenkstätte hinter mir lasse, je mehr verstummen die Klänge der singenden Menschen
Der Klang der Vergangenheit, das Moorsoldatenlied, macht Platz für die Klänge der Gegenwart, den singenden Vögeln.

Das fröhliche Gezwitscher der Spatzen, der Meisen, der Amseln, der Stare und der Dohlen zeigt an, dass das Zusammenleben von verschiedenen Gruppen möglich sein muss. Es symbolisiert, dass das Leben weiter geht.

In Freiheit, das schon.

Die Fakten:
Das ummauerte Lager Esterwegen wurde 1933 durch die Nazis errichtet, es war ein sogenanntes Doppeltlager, für 2000 Gefangene bestimmt. Vom Tor aus gesehen war der rechte Teil des Lagers für die deutschen Gefangenen vorgesehen. Auf der linken Seite wurden die übrigen Nationalitäten untergebracht. Esterwegen war genau wie Dachau ein „Muster-Lager“ der SS und blieb bis zum Bau des Nachfolgers Sachsenhausen im Jahr 1936 ein Konzentrationslager. Danach wurde es als Gefangenenlager genutzt. Später wurden noch mehr Lager im Emsland und Bentheim errichtet, so dass der Komplex schließlich fünfzehn Lager zählte. Das ganze wurde bekannt als das Emslandlager. Das genannte Lager Sachsenhausen wurde durch Arbeiter aus dem Lager Esterwegen gebaut. In der offiziellen deutschen Liste der Konzentrationslager hat das Lager Esterwegen die Nr. 379. Das Emslandlager wurde als Lager VII Esterwegen bekannt. Seit 1933 wurden vor allem Kommunisten, aber auch Sozialdemokraten, Pazifisten, Gewerkschafter und Intellektuelle inhaftiert. Später wurden dann auch Zeugen Jehovas, Homosexuelle und sogenannte „Arbeitsunwillige“ eingesperrt. Ab Mai 1943 kamen aus Frankreich, Belgien und den Niederlanden Widerstandskämpfer (Deutsch: Nacht und Nebel Gefangene; kurz NN) an in einem speziell für sie erbauten neuen Teil des Lagers. Dieser Teil bot bis zu 500 Gefangenen Unterkunft. Der berühmteste Gefangene von Esterwegen war Carl von Ossietzky, ein Pazifist, der im Jahre 1935 den Friedensnobelpreis verliehen bekam. Ihm wurde von der deutschen Obrigkeit untersagt, den Preis selbst in Empfang zu nehmen.
(Quelle: Wikipedia)

Die Bilder:
Das Journal hat am 7. Mai erinnert an die “vergessenen Lagern im Emsland”
(Quelle: NOS, journaal. https://youtu.be/jbugbPt8Z6s )