Die Bank

27-03-2012 19:19

 

 

 (Original Rob Barlage, Deutsche Übersetzung Martin Hauschke)

Es ist 25 Grad.

Wir sitzen in der Abendsonne und genießen den schönen Tag, der inzwischen schon wieder hinter uns liegt. Es ist acht Uhr. Die Sonnestrahlen verlieren schon deutlich an Kraft. Mein Frau fragt mich, worauf ich Sinn habe: wird es Kaffee oder wird es ein kaltes Glas Bier?

Was für ein Dilemma in einem Menschenleben. Herrlich draußen entspannen und dann eine unmenschliche Entscheidung treffen zu  müssen. „Was wird es werden“ klingt es aus der Küche, „ich werde nicht warten bis ich ne Unze wiege, verstehst Du?“ Das ist auch so ein Gerede das ich noch nie begriffen habe. Meiner Meinung nach ist es physikalisch für einen normalen Menschen unmöglich  eine Unze zu wiegen. Das erzähle ich ihr natürlich nicht. Ich möchte nicht das Risiko eingehen, dass die Chance, etwas eingeschenkt zu bekommen, gleich unter Null sinkt. Nein, da bin ich sehr vorsichtig. Ich muss eine Auswahl treffen. Um noch ein bisschen Zeit zu gewinnen, bringe ich eine Art Grundton raus. „UHMmmmmmmmmm” klingt es deutlich hörbar, um anzuzeigen, dass ich mich noch nicht ganz entschieden habe.

„Bring mir mal ne Tasse Kaffee, aber ich möchte auch nen Weinbrand dazu haben“ rufe ich in dem liebenswertesten Ton, den ich drauf habe. „Das war nicht die Frage, Großer!“ klingt es aus der Küche. In dem Moment, wenn etwas nicht in Ihren Plan passt, bin ich plötzlich der Große! „ Aber lass mal, ich bin ja auch nicht die Schlechteste“ ruft sie fröhlich aus der Küche.

Und so kommt Sie ein paar Minuten später nach draußen, zwei Tassen Kaffee, und für jeden noch eine alkoholische Leckerei dabei. Sie legt eine Serviette auf den Schemel, so dass ein Tischchen daraus wird. Ich betrachte glücklich den dampfendem Kaffee und den großen Cognac im Schwenker, beide warten begierlich drauf, genossen zu werden. Das ist so ein Moment, in dem die Gedanken schon den Geschmack kosten und ein Fest der Vorfreude abläuft. Noch bevor auch nur ein Tropfen des schwarzen dampfenden Kaffees den Mund erreicht, noch bevor die Nase die ersten vagen Düfte von dem großen Glas Cognac auffängt, beginnen die Geschmacksknospen im Mund schon ein Fest zu feiern. Was wiederum zu einer übermäßigen Produktion von Speichel führt. Dadurch muss man schon schlucken, noch bevor man auch nur einen Tropfen zu sich genommen hat.

Nicht nur die Geschmacksknospen werden in diesem Moment verwöhnt. Nein, es ist einfach die perfekte Umgebung, das Zusammentreffen von Momenten, die diesen Augenblick einzigartig machen. Die Stille. Dieses nichts hören, bis auf eine verirrte Amsel, die offenbar immer noch auf der Suche nach einem Lebenspartner ist. Keine Anzeichen von Leben außer dem Atemholen von meiner Frau und mir.

Keine gellenden Straßenbahnen auf den stark verschlissenen Schienen in der Klinkerstraße.

Keine plärrenden Kinder oder schreiende Eltern.

Keine Mopeds, die durch die Straße brausen.

Dies scheint der perfekte Zeitpunkt, den ersten Schluck von den Leckereien zu nehmen, die da stehen und warten. Ich nehme das große Glas Cognac und beginne damit, die goldgelbe Flüssigkeit  unter meiner Nase umher zu schwenken. Dabei rieche ich genüsslich den Duft des Cognacs. Ich bringe das Glas an meinen Mund. Unterwegs sage ich zu meiner Frau „Auf Deine Gesundheit“ und spitze meine Lippen um dem Glas eine sanfte Landung zu ermöglichen. Da sitzt man dann an einem schwülen Abend. Einen Abend, der es möglich macht, draußen zu sitzen, auf unserem Balkon in der Borgerstraße, in der Klinkerbuurt in Amsterdam. Es ist Anfang Juni 1977, es scheint schon eine Ewigkeit her.

Noch bevor ich einen Schluck nehmen kann, bricht ein Höllenlärm aus und der Zauber ist mit einem Schlag gebrochen. Unterhalb des Giebels, zwischen dem Platz mit den Containern unserer Etagenwohnung wo wir wohnen und dem medizinischen Zentrum Dirk van Nimwegen hat die Gemeinde eine Holzbank an der Wand gestellt. Am Anfang wurde sie oft von den Einheimischen genutzt. “Die Bank” fungierte als Treffpunkt für jung und alt. Für Nachbarn und Passanten.

Am Freitagnachmittag wird zum Beispiel das Treppenhaus an der Ecke von der Borgerstraße und der Nicholasbeetstraße gereinigt. Dies wurde zumeist von den Frauen gemeinsam erledigt. Die Männer nahmen dann die Straße und den Bürgersteig in die Hände. Der Wasserschlauch wurde dann bei uns in der Küche angeschlossen, er wurde über den Balkon gehangen, vom zweiten Stock nach unten. Das Wasser floss reichlich, so konnte das Wochenende beginnen in einer sauberen Umgebung die nach Reinigungsmittel roch und vor allem nach Bleiche. Auch „Die Bank“ entkam nicht der wöchentlichen Reinigung.

Wenn wir fertig waren, wurde da eine Kiste Bier zum Vorschein gezaubert und die notwendigen anderen Spirituosen auch. Gemeinsam wurde dann etwas getrunken und die Woche wurde noch mal durchgenommen. Nun konnte man leicht mit fünf Personen auf  der „Bank“ sitzen, sie war großzügig bemessen. Oftmals war die Gruppe doppelt so groß und wer vorbei kam war immer herzlich willkommen und eingeladen, sich rein zu schieben.

Einer der regelmäßigen „Besucher“ dieser Freitagsversammlung war der Polizist Kuipers. Kuipers war ‚unser’ Schutzpolizist. Kuipers nutzte diese Art von Gelegenheiten um mit den Nachbarn in Kontakt zu bleiben und um die neuesten Nachrichten zu erfahren. Er trank immer ein Gläschen ‚Erfrischungsgetränk’ mit. Kuipers kam von außerhalb Amsterdam, hatte sich aber als Altgedienter die Amsterdamer Mentalität  ganz zu eigen gemacht.

Nach einer knappen Stunde wurde das Treffen meistens abgeblasen. Onkel Arie rief dann zu seiner Frau „Wird es nicht so langsam Zeit, dass Du die Töpfe und Pfannen zum kochen bringst? Diese Jungs können wohl noch ne Füllung brauchen“.

Onkel Arie und Tante Bep waren die ältesten Bewohner, und wenn die das Zeichen zum aufbrechen gaben, fügte sich der Rest und folgte. Dann wurden die Zigarettenkippen aufgesammelt, der ganze Kram wurde weggeschafft, das Leergut und die Dosen wurden entsorgt. Niemand konnte mehr sehen, dass hier eine große Gruppe Menschen eine angenehme Stunde zusammen verbracht haben.

Die Abende wurden länger und in den letzten Wochen wurde „Die Bank“ auch häufig von älteren Männern ausländischer Herkunft genutzt. Oft gehüllt in langen ‚Kaftans’, auch ‚Djellaba’ genannt. Sie saßen dann so um neun Uhr Abends noch eben zusammen und nahmen dann, in ihrer Sprache, die Woche durch. Meistens so nach einer  dreiviertel Stunde verschwanden sie wieder. Der Bürgersteig war dann mit Müll übersät. Angefangen mit den Schalen von Nüssen, leere Getränkedosen und die übliche Menge brauner Flüssigkeit, welche mit der Regelmäßigkeit eines Uhrwerks produziert und ausgespuckt wurde auf den, noch von der Reinigung glänzenden, Bürgersteig.  Nach dem Treffen lag die ganze Umgebung von der „Bank“ unter dem produzierten Müll, ohne dass auch nur irgendjemand sich mal eben die Mühe machte, den Dreck in den von der Gemeinde extra dafür aufgestellten Abfallbehälter zu deponieren.

Gegen zehn Uhr wird „Die Bank“ dann von ein paar jungen Erwachsenen ausländischer Herkunft eingenommen. Dies wurde von viel Lärm und Randale begleitet. Anfangs waren es so etwa drei oder vier jüngere Menschen, die „Die Bank“ zu ihrem Jugendtreff erkoren hatten, da wurde noch mit leiser Stimme gesprochen. Das verändert sich mit den Tagen. In den darauf folgenden Tagen und Wochen wurde die Gruppe größer, so etwa 15 bis 20 junge Männer und oft auch kleine Kinder. Der Umgangston wurde lauter, zur An- und Abfahrt wurde oftmals Mopeds oder Autos benutzt.

Die Fahrzeuge wurden konsequent in einem Zustand gehalten, in dem sie den meisten Lärm produzierten. Die musikalische Begleitung erhob sich weit über das akzeptable Niveau hinaus und wurde von einem Vorläufer des “Ghetto Blaster” verbreitet, der die schrillen Töne Arabischer Klänge ausstrahlt. Nun muss ich da auch direkt zugeben, dass auch ich schon mit dem über allen erhabenen Johnny Jordaan  und mit Tante Leen das gleiche Problem hatte, um diese Uhrzeit. Kurzum, um elf Uhr Abends hat das ganze viel von einem Freiluftbasar, so wie man das oft aus den südlichen Ländern kennt, wo sich das Leben vornehmlich auf der Straße abspielt. Eine von den Beschäftigungen, die die Gemüter ziemlich hoch kochen lässt, war das Kartenspiel, das sie spielten.

Karten an sich, sollte man sagen, ist doch kein Spiel, wo es Probleme gibt. Ich meine, wenn man an einem Sonntagnachmittag ein Zimmer betritt, in dem mit Begeisterung Bridge gespielt wird, wird man wirklich nicht das Gefühl haben auf dem Albert Cuijp gelandet zu sein. Nein, die erhabene Haltung der Spieler des edlen Spiels erinnern eher an eine Kirche als an einen Fischmarkt. Wie gesagt, das Spiel, das sie spielten, ging offensichtlich mit viel Emotionen einher, die Karten wurden mit einem Faustschlag auf „Die Bank“ gedroschen, unter dem Ausruf von ………., tja, von was eigentlich. Ich war der Sprache nicht mächtig, hatte aber das Gefühl, dass sie in einem permanenten Status von Krieg waren, ein jeder mit jedem. Ein Heidenlärm war die Folge. Dies ging manchmal so lange bis zu dem Moment, in dem ich zu meiner Arbeit ging. Die Gruppe war dann schon ein bisschen ausgedünnt, aber die noch Anwesenden waren mit der gleichen Leidenschaft dabei und gingen der Bank weiterhin mit dem kräftigen Klopfen der Karten an den Leib.

Ich arbeitete in dieser Zeit als Straßenbahnfahrer in Amsterdam. Das bedeutete oft früh raus um zeitig den ersten Wagen aus dem Betriebshof zu fahren. Vier Uhr morgens aufstehen bedeutete für mich, dass ich mich allerdings um zehn Uhr Abends hinlege musste, damit ich um die 6 Stunden Schlaf bekomme, die ich normalerweise nötig habe, um meine Arbeit in angemessener Weise zu verrichten.

Um zehn Uhr ins Bett und dann so gegen halb elf falle ich dann in den Schlaf, meistens. Nicht in den Nächten, wenn die zugewanderten Mitbenutzer der „Bank“ ein Kartenspiel spielten. Die Nächte waren für mich die Hölle. In dieser wilden Zeit ja nicht zuviel sagen zu den Menschen, die Unruhe verursachen. Da war noch ein großes Maß an Verständnis und Mitgefühl bei den einheimischen Bewohnern vorhanden. So nimmt alles seinen Gang. War es anfangs nur an den Wochenenden, nahm mit den länger werden Tagen und steigender Temperatur der Anteil der Abende zu, an denen man sich an der „Bank“ traf.

Der Zeitpunkt des Zusammenkommens verschob sich immer weiter auf eine frühere Zeit in den Vorabend. Viele einheimische Anwohner machen nach dem Abendessen einen Spaziergang und nahmen dann einen Moment auf der „Bank“ platz, um sich auszuruhen. Immer häufiger kam es zu Situationen, in denen die älteren Mitbenutzer noch dasaßen um zu entspannen, sich da aber schon die ersten Kartenspieler meldeten. Es war der Moment gekommen, dass die Kartenspieler, in gebrochenem Niederländisch, den Einheimischen mit unmissverständlichen Worten klar machten, sich zu verziehen, weil, es war nun nicht mehr „Die Bank“  sondern es war nun „Ihre Bank“ geworden.

Im Laufe der Zeit nahmen auch die Probleme Stück für Stück zu. Oh, werden Sie sagen, habt ihr den nicht einmal mit den jungen Leuten gesprochen? Sie haben vollkommen Recht, Reden ist gut. Reden bringt Lösungen. Aber dann muss man einander auch verstehen wollen, alles andere gibt Chaos. Das erste Mal, als ich durch den Höllenlärm von unten nicht schlafen konnte, bin ich gegen halb eins in der Nacht runter gegangen, mit zwei Flaschen Coca Cola unter dem Arm und habe ihnen erklärt, dass ich morgens um vier Uhr wieder raus muss.

Und ob sie nicht bitte schön damit aufhören könnten, auf die Bank zu schlagen, weil es so durch die Wände dröhnt und oh ja, vielleicht könnte auch die Lautstärke der Musik einige Umdrehungen runtergeschraubt werden, und, wenn es noch geht, könnte man auch die Lautstärke der Gespräche etwas dämpfen, so dass ich doch noch wie gewohnt mein Fenster offen lassen kann. Das muss natürlich nicht alles sofort sein, ich verstehe, dass sie das erstmal verarbeiten müssen, ich habe zwei Flaschen Coca Cola mitgebracht, so dass sie dann noch eben was zu trinken haben. Nochmals, es muss nicht alles sofort sein, aber ich würde es wirklich zu schätzen wissen, wenn Sie uns etwas entgegen kommen würden…

Einer der Anwesenden sprach ausreichend Niederländisch um mir zu versichern, dass es absolut nicht die Absicht war Unruhe zu verursachen und das es bestimmt besser wird. Es wurde sofort eine Reihe von Anwesenden auf Arabisch angesprochen, und ich hatte nicht unbedingt den Eindruck, dass es mit dem übereinstimmt, was er mir vorher versprochen hatte.

Ich ging hoffnungsvoll wieder nach oben. Dort wurde ich skeptisch von meiner Frau empfangen. Ach, sie hat nun mal viel mehr Realitätssinn als ich. „Denkst Du nun wirklich dass die unten dich jetzt mögen, wollen wir mal abwarten!“, sie dreht sich um und lief mit großen Schritten zurück ins Bett. Ich folgte ihr demütig. Es blieb still, nach zehn Minuten dachte ich, die Würfel sind gefallen, und nichts für ungut, eine Bestätigung für meine Frau. Herrlich, sie muss zugeben, dass die Diplomatie funktioniert! Ich drehte mich zu ihr und fragte, ob sie schlief. “Nun nicht mehr, nein! Was gibt’s? “. Ich wollte gerade sagen „Siehst Du wohl, es hat geholfen!“

Soweit kam es gar nicht, in diesem Moment begann erst das Gebumse mit den Karten, die mit einem Schlag auf der Bank abgelegt wurden, alsbald gefolgt durch das Geschrei, das das Kartenspiel begleitete. Anstatt das ich nun sagen konnte „siehst Du nun wohl“ sagt meine liebe Frau mit einem säuerlichem Lächeln, „Nun, was hab ich dir gesagt? Sie werden Dir was husten! “

In dieser Nacht bin ich noch zweimal nach unten gegangen, ohne Cola, keine Sühneopfer mehr. Aber sie sind einfach stur geblieben. Auch das half letztlich nicht. Gegen halb vier beschlossen sie, dass es gut gewesen ist. Als ich um eben nach vier gebrochen nach draußen kam auf meinem Weg zur Arbeit war, sah ich mit Bedauern das hinterlassene Chaos an. Nussschalen, Papier, Zigarettenkippen und ich weiß nicht was noch alles für ein Dreck. Ein, …, zwei kaputt geschlagene Colaflaschen, wovon der Inhalt und die Scherben teilweise über „Die Bank“ geschmiert wurden. Offenbar, um noch mal mit Nachdruck deutlich zu machen, dass es nicht mehr „Die Bank“ ist, sondern dass es jetzt ihre Bank ist.

Die folgenden Wochen darauf wurden noch schlimmer. Meine Nachbarn hatten natürlich genauso viel Stress wie ich. Stets entstanden mehr Situationen wie „Wir gegen Die“. Es eskalierte schnell. Die Haltung der Einwanderer wurde immer aggressiver. Immer öfter wurden Menschen, die „ihre Bank“ benutzen wollten, aufgefordert weg zu gehen. Ein paar weigerten sich weg zu gehen, sie mussten daraufhin das gesamte arabische Alphabet über sich ergehen lassen. Wurden bespuckt und gedemütigt. Genau so lange, bis dieser Don Quichote entschied, sich zu verziehen.

Die Abende und Nächte wurden mehr und mehr zur Bühne der bösen Anwohner. Nachdem unzählige Male versucht wurde mit ihnen ins Gespräch zu kommen, stimmten wir dafür, gemeinsam gegen sie aufziehen. Die Polizei wurde viele, viele Mal gerufen. Allerdings lagen die Prioritäten fast immer woanders. Erst wenn sich herausstellte, dass es auf eine Massenschlägerei zwischen den Anwohner und den Krawallmachern hinauslief, war die Polizei bereit, sich um das Problem zu kümmern. Der gute alte Schutzpolizist Kuipers bekam die schöne Aufgabe um als, wie wir heute sagen würden, Vermittler aufzutreten. Nach drei Versuchen war seine Schlussfolgerung klar, es hat nicht funktioniert.

Nach dem X-ten Streit zwischen den Einheimischen und Einwanderern war es an der Zeit für massive Polizeieinsätze. Nach Wochen des Rumorens kehrte die Ruhe wieder ein. ”Die Bank” war nicht mehr. Abgerissen von den eingewanderten Nutzern, nach dem Motto, wir haben nichts mehr davon, also sollt ihr auch nichts mehr davon haben.

Das Klima war komplett verändert, das Verhältnis zwischen Zuwanderern und Einheimischen  komplett auf den Kopf gestellt. Die verschiedenen Gruppen betrachteten sich mit zunehmendem Misstrauen. Die Zusammensetzung der Nachbarschaft war auch im Wandel. Die Einwanderer nahmen mit den Jahren rapide zu in der Kinkerbuurt und die einheimischen Bewohner nahmen Stück für Stück ab. Flucht nach Purmerend und in die neuen Städte Lelystad und Almere war die natürlichste Sache der Welt.

Die Politik? Die Politik erklärte, es sei für eine Stadt wie Amsterdam völlig in Ordnung. Es war doch wunderbar, dass viele Einwohner von Amsterdam ein neues Zuhause in den neuen Städten gefunden haben. Dass dies in Wirklichkeit eine Flucht war, wurde der Einfachheit halber nicht erwähnt. Heute, rund 35 Jahre später, komme ich ab und zu mal wieder durch die  Kinkerbuurt. Mit schwerem Herzen sehe ich, dass das Viertel  sich zu einem sozialen Brennpunkt entwickelt hat. Die Pflege der öffentlichen Straßen scheint es nicht mehr zu geben.  Da wo es früher nach Bleiche und Reinigungsmittel roch, liegt nun der Dreck, um den sich niemand mehr kümmert. Das Unkraut gedeiht, sowohl zwischen den Pflastersteinen als auch darauf. Die „Amsterdamer“ sieht man hier nicht mehr, zumindest nicht die Amsterdamer, wie ich sie noch im Sinn habe, von vor 35 Jahren. Das Bild ist, wie mir scheint, farbiger geworden, so wie es die Politiker gerne behaupten. Es ist sicher nicht lebenswerter geworden.

Es ist 25 Grad. Wir sitzen in der Abendsonne in unserem Garten und genießen den schönen Tag, der inzwischen schon wieder hinter uns liegt. Es ist acht Uhr. Die Sonnestrahlen verlieren schon deutlich an Kraft. Mein Frau fragt mich, worauf ich Sinn habe: wird es Kaffee oder wird es ein kaltes Glas Bier? Was für ein Dilemma in einem Menschenleben. Herrlich draußen entspannen und dann eine unmenschliche Entscheidung treffen zu  müssen. „Was wird es werden“ klingt es aus der Küche, „ich werde nicht warten bis ich ne Unze wiege, verstehst Du?“

„Bring mir mal ne Tasse Kaffee, aber ich möchte auch einen Weinbrand dazu haben“ rufe ich in dem liebenswertesten Ton, den ich drauf habe. „Das war nicht die Frage, Großer!“ klingt es aus der Küche. In dem Moment, wenn etwas nicht in Ihren Plan passt, bin ich plötzlich der Große! „ Aber lass mal, ich bin ja auch nicht die Schlechteste“ ruft sie fröhlich aus der Küche. Und so kommt Sie ein paar Minuten später nach draußen, zwei dampfende Tassen Kaffee, und für jeden noch eine alkoholische Leckerei dabei. Ich betrachte glücklich den dampfendem Kaffee und den großen Cognac im Schwenker, beide warten begierlich drauf, genossen zu werden.

Herrlich ruhig, ich Gedanken bin ich zurück im Amsterdam der Vergangenheit. Dann öffnet sich das Gartentor und die Nachbarskinder kommen rein. Lachende Kinder dürfen unsere Ruhe stören. „Können wir reinkommen?“ klingt es fröhlich. „Aber bitte!“ gebe ich als Antwort.

Sofort realisiere ich, dass ich nicht mehr in der Borgerstraat sitze, ich bin wieder zurück in der Wirklichkeit. Nachdem wir in Almere gesucht, was wir in Amsterdam verloren haben, weiß ich nun wieder, dass wir über die Grenze gegangen sind.
Wir leben in Deutschland und haben hier gefunden, was wir in unserem Amsterdam verloren haben!

Ich wünsche allen Niederländern und die EL-Nachbarn leser einen schönen Tag!

[und natürlich auch allen anderen Menschen dieser Welt, (M.H.)]