Der Abschied einer Königin

01-02-2013 23:21

 

Der Abschied

Wir sind beim Kaffeetrinken. Ein ganz normaler Wochentag, beschäftigt mit den ganz
alltäglichen Dingen. Dann gibt es plötzlich die Meldung, dass sich die Königin der
Niederlande in zwei Stunden mit eine Ansprache an das Volk wenden will, über alle
Fernsehsender und Radiostationen.
Ich rufe: „Els, hast du das gehört?“
„Du brauchst nicht so rumbrüllen, ich saß doch direkt neben dir!“
 
Ich sah etwas überrascht auf und stammelte: „Oh ja, jetzt seh ich es!!“
In so einem Moment schießt dir alles Mögliche durch den Kopf, ich sehe Els mit einem 
fragenden Blick an.
Els kuckt zurück und sagt kopfschüttelnd:
„Du brauchst mich gar nicht so anzusehen, sie hat mich nicht angerufen um mir zu sagen,
was da los ist. Also einfach mal in Ruhe abwarten. Das scheint mir jetzt das Beste zu sein!“
 
„Ich denke, dass sie einen Entschluss in Bezug auf Prinz Friso gefasst haben, vielleicht wird
der Stecker gezogen. Es ist doch schon viel zu lang, dass sie den armen Jungen im Coma
liegen lassen!“, ist mein erster Reaktion.
„Tja, und das will sie dann eben landesweit über Radio und Fernsehen der ganzen Nation
mitteilen. Na ja, ganz bestimmt nicht!“, sagt sie fest entschlossen.
 
Nun muss ich zugeben, dass dies einer der Momente ist, in denen sie so verdammt
vernünftige Dinge sagt.
„So habe ich das noch gar nicht gesehen, aber was kann es denn sein. Ich meine, sie wird uns
doch nicht wirklich erzählen, dass sie den Jackpot im Lotto gewonnen hat, oder?“, rief ich.
„Wohlmöglich wird sie uns sagen, dass es genug gewesen ist. Dass sie ihre Krone an den
Nagel hängt und dass sie endlich mal einen Schal stricken will, aber auf jeden Fall, dass sie
aufhören wird mit Königin sein!“
 
„Schau, schau!“, sagte Els mit einem selbstgefälligen Lächeln auf ihrem Gesicht.
„Schau, schau, wenn man mal eben darüber nachdenkt, dann kommt da ab und zu noch
was Sinnvolles bei raus. Solltest du viel öfter tun, erst nachdenken und dann den Mund
aufmachen!“
„Ja, ja, es ist gut, Besserwisser! Wie auch immer, noch zwei Stunden, dann wissen wir mehr.“
 
Verrückt, man sitzt da und wartet. Normalerweise sind zwei Stunden nichts, nun dauert es
eine Ewigkeit. Das große Warten wird mit hin und her Zappen von einem Fernsehkanal zum
anderen erschlagen. Alle Sender im holländischen Fernsehen haben damit begonnen, alle
möglichen Inhalte der Erklärung der Königin aufzuzählen.
 
Niemand weiß was Genaues, es ist köstlich mit anzusehen, was für idiotische Ergebnisse der
Journalismus abliefert.
 
Ein Moderator von irgendeinem Sender sagt:
„Meine Damen und Herren, um sieben Uhr wird die Königin ihren Rücktritt vom Thron
ankündigen. Etwas anderes kann es nicht sein. Ich sprach soeben mit der Nachbarin eines
Mitarbeiters von dem Cafe, das in einem Abstand von einem Kilometer vom königlichen
Palast in Den Haag liegt. Sie hatte heute Mittag gesehen, dass die Töpfe mit den Geranien
plötzlich umgeräumt wurden. Das kann nur bedeuten, dass etwas Bedeutsames unmittelbar
bevorsteht.
Einen Moment später kam dann einer der Bediensteten nach draußen und
stellte die Geranien in eine Kiste. Auf der Kiste stand ‚ Geranien zum dahinter stellen’!
Somit, liebe Zuschauer, es kann nicht anders sein, es wird wohl ein Thronwechsel
stattfinden.“
 
Daran sieht man das Niveau der Berichterstattung in unserem kleinen Land. Die Königin will
eine Ansprache halten und die Medien beginnen damit, lustig darauf los zu philosophieren,
darüber, was denn wohl gesagt werden könnte. Man scheut sich nicht, selbst den größten
Unsinn als Wahrheit zu verkaufen.
 
Es ist sieben Uhr. Wir sind bereit. Nachdem wir uns zwei Stunden den Unsinn angehört
haben, lauschen wir jetzt der Majestät selber. Es ist nur zu hoffen, dass da keine Geranien
bei ihr auf dem Tisch stehen, wenn sie mit ihrer Rede beginnt.
 
In drei oder vier Minuten erzählt sie in der Tat, dass sie aufhören wird. Sachlich, ohne
viel Brimborium, nimmt sie die Tagesordnung durch, erzählt, dass der Kronprinz und die
Prinzessin bereit sind und dass es gut so ist. Ach ja, sie merkte auch noch eben an, dass sie,
im Gegensatz zu ihrer Mutter zu der Zeit, weder körperliche noch geistige Beschwerden hat.
Sie vermisst Claus. Das sagte sie nicht mit soviel Worten, aber man spürte es. Sie hat ihn seit
seinem Tod immer vermisst.
 
Els und ich sitzen still da und sehen zur Königin, die ihren Rücktritt ankündigt.
Zum Schluss sind da doch ein paar Emotionen wahrnehmbar, denken wir zumindest. Sicher
wissen kann man so etwas natürlich nicht.
Ich komme noch aus einer Generation, die mit Respekt vor dem Königshaus aufgewachsen
ist.
 
Natürlich war nicht immer alles Zuckerschlecken. Aber nenn mir mal ein Präsident einer
Republik, der fehlerlos war. Ich denke, dass wir nicht schlecht bedient sind, mit unseren
Oranjes. Und, sind wir mal ehrlich, man bekommt alles auf dem Teller präsentiert. Du wirst
geboren, ein Abitur brauchst du nicht zu machen, nein, du wirst König!
Karriereplanung?? Wieso, nicht meckern, auf den Thron setzen und winken.
Der eine oder andere würde sicher freiwillig diesen Job wählen!!
 
Claus hat es einmal sehr schön ausgedrückt:
„Die Niederlande sind eine Republik mit einer Königin an der Spitze“, und so war es auch!
 
Nachrichten Extra!!!
Die Kiste mit Geranien ist inzwischen auf ‚Palais Drakensteyn’ [Königliches Haus]
eingetroffen. Dort werden sie bis zum 30. April diesen Jahres gut versorgt.
 
Nun, mal sehen wie lange es dauert, bis Prinzessin Beatrix hinterher als solche
wahrgenommen wird.
 
Wenn sie eingehen, schicke ich ihr ein paar frische, sozusagen als Dankeschön!!
 
Übersetzung © Martin Hauschke, im Februar 2013
Original © Robert Barlage