Das Haus am Berg

27-03-2012 19:08

 

 

(07.01.2012)

 

 

Das Haus am Berg

Wir können so allmählich von einer Tradition sprechen. Seit dem wir hier leben, haben wir nun fünf Jahre nacheinander am Neujahrstag zwei Gruppen mit Nachbarn bei uns zu Hause empfangen. Seit dem wir hier, in Esterwegen, wohnen. Zu unseren direkten Nachbar hatten wir eigentlich von Anfang an eine gute Beziehung.

Ich erinnere mich noch gut daran, als wir das erste Mal den ‚Berg’ hinauffuhren, zu dem Haus, das zum Verkauf stand. Vom Dorf aus längs beim ALDI vorbei, über einen Bauweg vorbei am Wassersammelbecken (das sich übrigens in den letzten Tagen mehr als bewährt hat), nach oben. Dort, wo die Straße so gut wie zu Ende war und in einen Bauweg überging, dort lag das Haus, das wir gesucht haben.

Ach, das Schlechte war schnell besprochen und ich erspare die weiteren Details. Els, meine Frau, und ich waren davon überzeugt, dass dies der Platz war, an dem wir uns niederlassen wollten. Neben der finanziellen Situation und dem Zustand des Hauses kam schnell die Frage auf‚ ‚welche Nachbarn würden uns dort erwarten?’ Eigentlich eine sehr logische Frage, weil, man hat sie letztlich am Hals und wenn es dann noch passt, umso besser.

Wir standen noch draußen zu kucken, als ich zu Els sagte: „Ich geh mal eben zu den Nachbarn und spreche mit ihnen, dann weiß ich, was uns erwartet!“ Meine Frau ist immer etwas zurückhaltender als ich (und das ist auch gut so) und sagte „mach das mal jetzt noch nicht, lass die Leute hier mal eben noch in Ruhe!!“

Zu spät, ich war schon auf dem Weg zur Haustür vom Nachbarn gegenüber, der sich später als der ortsansässige Zahnarzt herausstellte, aber das wusste ich damals noch nicht. Ich klingelte und die Haustür wurde sofort geöffnet. Ich streckte meine Hand aus und stellte mich in meinem besten Deutsch vor, “Hallo, ich bin Rob und meine Frau und ich möchte das Haus an der über Seite van der Strassen kaufen. Nun habe ich eigentlich nur eine Frage. Haben Sie dar ein Problem mit wen wir Holländer dar Wonnen gehen?“

Ich stellte die Frage recht humorvoll und sah an den Gesichtern der Beiden, dass sie darauf nicht vorbereitet waren und sich total überrumpelt fühlten. Sehr schnell hatten sie sich wieder gefunden und sagten, dass dies natürlich kein Problem sei. Ich bedankte mich und verabschiedete mich mit den Worten, dass wir uns noch regelmäßig sehen würden, wenn wir das Haus kaufen. Auch beim Nachbarn auf der anderen Seite spielte sich die gleiche Szene ab, auch dort die Überrumpelung und auch dort die Zustimmung.

Ich ging zurück zu meiner Frau und vermeldete, dass wir herzlich willkommen sind. Sie sah mich kopfschüttelnd an und sagte eine wenig mitleidig „Großer, bist Du nun vollkommen verrückt, was sollen die armen Menschen nun wohl denken“. In den folgenden Jahren haben wir noch oft über die erste Begegnung gelacht, beim Genuss eines Umtrunks.

Die erste Gruppe von Nachbarn waren die Bewohner der etwas älteren Häuser, die zweite Gruppe Nachbarn waren die, die in den letzten Jahren dazu gekommen waren. Die Gemeinde Esterwegen vergab das Baugebiet Am Kamm in Parzellen hauptsächlich an junge Leute, die am Beginn eines Familienlebens standen. Da ich dort regelmäßig mit meinem Hund spazieren ging, wurde der Kontakt mit den Neuankömmlingen schnell geschlossen. Alles junge Familien mit kleinen Kindern. Sehr gesellig und schön mit anzusehen, wie diese jungen Leuten miteinander umgingen. Uns wurde schnell das Gefühl gegeben, dass wir „ganz und gar“ dazu gehören.
Els und ich haben dies immer als sehr angenehm empfunden.

Diese beiden Gruppen machen am Neujahrstag einen Rundgang durch die Nachbarschaft. Überall wird das Glas gehoben und auf das kommende Neue Jahr angestoßen. Ein wunderbares Ritual. Wir hatten in diesem Jahr nur ein Problem, wir konnten nicht mit der einen Gruppe mitgehen und mit der anderen nicht. Kurzerhand aufteilen ging nicht. Wir beschlossen dann, auch zu Hause zu bleiben und wie immer die beiden Gruppen zu empfangen und richteten ein kleines Buffet, wobei es Feuchtes und auch Trockenes gab. Kurzum, Urgesellig, was am Anfang als einmalig betrachtet wurde ist seitdem eine echte Tradition geworden.

Auch zu Beginn dieses Jahres war der Neujahrstag ein geselliger anstrengender Tag für uns. Normalerweise brauchen wir dann den zweiten Januar um den ganzen Krempel wieder aufzuräumen. Der 3. Januar ist dann zum ausruhen da, und am vierten Januar wird dann der Weihnachtsschmuck wieder eingesammelt und für das nächsten 11 Monate aufgehoben.
Das ist oftmals noch ein Haufen Aufwand, aber die Aufgaben sind meisten gut verteilt, zwischen meinem Chef und mir.
Ich machte dann meistens das, was mir gesagt wird und meine Frau gibt die Anweisungen. Dieses Jahr waren die Rollen vertauscht. Ich sagte zu meiner Frau, lass mich mal aufräumen und einpacken, dann brauchen wir weniger Platz und ich pack die Sachen besser zusammen.

Meine Frau sorgte dann für die Lieferung des Verpackungsmaterials. Irgendwann rief ich dann nach oben, dass sie einen Karton mitbringen soll. Sie kam mit großem Schwung mit dem Karton nach unten und vergaß völlig die letzte Treppenstufe. Mit einem donnernden Schlag viel sie von der Treppe und lag dann etwas zusammengekrümmt an der ersten Treppenstufe. Ich hatte mich total erschrocken, eine Frau so um die sechzig, die von der Treppe fällt, tja, dann ist die Wahrscheinlichkeit auf eine gebrochene Hüfte allgegenwärtig.
Zum Glück sah es aber nicht so schlimm aus. Ein ganz dicker Knöchel und ein schmerzhaftes Gelenk waren die Folge. Am nächsten Morgen dann ein immer noch gewaltig geschwollener Fuß, es sah aus, als sei er doppelt so dick geworden. Doch mal eben nach Papenburg ins Krankenhaus und ein Foto machen lassen. Da ist viel Flüssigkeit zu sehen, sagte der Arzt. Nun, dafür hätten wir nicht zum Röntgen gemusst!!

Auf dem Bild konnte man echt nicht feststellen, ob da irgendwas gebrochen war. Zur Sicherheit wurde eine Schiene angelegt und dann wurden wir wieder nach Hause geschickt, mit der Anweisung, dass sie nach zehn Tagen zur Kontrolle wiederkommen muss.

Inzwischen war schon wieder der halbe Tag vorbei, bevor wir wieder zu Hause waren. Els wurde auf dem Sofa platziert, Kissen unter dem Knöchel, Telefon in ihrer Hand und ihr klargemacht, das ich sie fesseln werde, wenn sie nicht auf ihrem Hintern sitzen bleibt, bis ich wieder zurück bin. Schnell zu meinem Hund gesagt, dass wir eben einen kleinen Spaziergang machen.

Einmal draußen, liefen wir am Haus entlang nach hinten. Mein Hund ging plötzlich wie ein Hase durch, das an sich war schon verwunderlich, konnte man ihn doch in letzter Zeit alles Mögliche bezichtigen, aber nicht der Schnelligkeit. Er eilte davon. Aus meinen Augenwinkeln sah ich einen großen Schäferhund hinter einigen Koniferen daher kommen, der unmittelbar und laut bellend die Verfolgung aufnahm. Nun sagte ich schon, dass mein Sjipke (wie sein Name friesischen Ursprungs lautet) nicht mehr einer der Schnellsten ist, er wird leicht von dem Deutschen Schäferhund eingeholt.

Der flog von hinten voll über ihn hin, Sjipke heulte auf und wird voll an der Schnauze gepackt. Der Besitzer des Schäferhundes versuchte ihn noch zurück zu rufen, aber ohne Erfolg. Der Schaden war schon zugefügt. Auf dem ersten Blick schien es so, als ob er in sein Auge gebissen wurde, es blutete ein wenig, so das es viel schlimmer aussah, als es vielleicht war. Nun, Hund ins Auto gepackt und ab zum zweiten Arztbesuch an diesem Tag.

Glücklicher Weise kein schwerer Schaden, mein Hund hatte (genau wie meine Frau auch) sehr viel Glück gehabt. Es war etwas Hornhaut abgeschruppt und in seinem Augenlid war ein kleines Loch.

Wieder zu Hause sagte meine Frau, dass wir morgen weitermachen mit dem Aufräumen der Weihnachtssachen. Wieso wir, fragte ich. Ein halbblinder Hund und eine lahme Hausfrau. Was meinst Du mit „wir“. Genau wie in den anderen Jahren. Du sagst wieder, was ich tun soll und ich tue es!
Also auch in 2012 verändert sich eigentlich nichts!!!

Oh ja, es geht wieder ein Stück besser, nicht wahr, mit sowohl der Frau als auch dem Hund und dem Weihnachtszeug? Sie liegen wieder auf ihrem eigenen Platz, elf Monate warten sie, bis sie wieder an der Reihe sind!!

Original © Robert Barlage, Übersetzung ins Deutsche © Martin Hauschke